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David Deming ist Ökonom und als Danoff Dean für die Leitung des Harvard College verantwortlich. Er schreibt den Substack-Newsletter Forked Lightning und moderiert den Podcast The Context Window.
Im Gespräch dieser Woche diskutieren Yascha Mounk und David Deming darüber, warum künstliche Intelligenz die Universitäten in eine neue Ära führen könnte, in der Gemeinschaft und Tugend statt Wissen und Fachkompetenz im Mittelpunkt stehen, ob das Geschäftsmodell der amerikanischen Hochschulbildung vor einer existenziellen Krise steht oder lediglich erheblich unter Druck gerät und wie Lehrende und Studierende das Lernen und die Gestaltung von Aufgaben in einer Zeit überdenken sollten, in der KI einen Großteil der traditionellen akademischen Arbeit übernehmen kann.
Das Transkript wurde gekürzt und zur besseren Verständlichkeit leicht bearbeitet.
Yascha Mounk: Erzählen Sie mir ein wenig darüber, was Sie damit meinen, dass die Universitäten durch künstliche Intelligenz in eine dritte Ära der Hochschulbildung eintreten. Wie wird KI die Harvard University verändern, und wie wird sie den Hochschulsektor insgesamt verändern?
David Deming: Nun, zunächst einmal ist das eine Prognose – niemand kennt die Zukunft. Was ich tue, Yascha, ist, mir die Entwicklungen anzusehen, die sich vor unseren Augen abzeichnen, und zu betrachten, wie Technologie und Fortschritt in der Vergangenheit verändert haben, was Universitäten eigentlich tun. Ich würde nicht sagen, was sie „ausschließlich tun“, denn Universitäten haben schon immer viele verschiedene Aufgaben erfüllt. Aber es geht darum, was wirklich selten ist, was man nur an einer Universität bekommen kann und worauf wir uns deshalb besonders konzentrieren sollten. Meine These lautete, dass Universitäten in der ersten Ära Hüter eines knappen Gutes waren: des Wissens.
Das habe ich in einer Rede zur Begrüßung der Studienanfänger in Harvard gesagt: Die Gründungsschenkung unserer Universität stammte von ihrem Namensgeber John Harvard und bestand aus 400 Büchern. Das klingt nicht nach besonders viel, entsprach damals aber etwa zwei Dritteln des Buchbestands der Bibliothek des Emmanuel College in Cambridge, einer zu jener Zeit bereits fest etablierten britischen Elitehochschule. Diese Schenkung trug also entscheidend dazu bei, Harvard bekannt zu machen. In unserer Geschichte gibt es viele Beispiele dafür, wie wichtig Bücher damals waren. Als etwa im 18. Jahrhundert ein großer Brand einen erheblichen Teil des Bibliotheksbestands zerstörte, sagte die Harvard Corporation, das Leitungsgremium der Universität, zu den Studenten: „Geht nach Hause. Was sind wir ohne unsere Bücher?“ Natürlich änderte sich das mit der Zeit. Es entstanden immer mehr Bibliotheken. Einst stand die einzige Druckerpresse der Kolonien in Harvard, im Haus des damaligen Präsidenten Henry Dunster. Auch das änderte sich, als sich Wissen immer weiter verbreitete.
Wir begannen, uns nicht mehr um das Wissen selbst, sondern um Fachkompetenz herum zu organisieren. Wissen besteht zunächst einmal nur aus Wörtern auf einer Seite. Ein Experte wählt Wissen aus, ordnet es ein und hilft anderen zu verstehen, wie es zu interpretieren ist. Das ist für mich das Wesen der modernen Universität. Große Universitäten wie Harvard haben sich um die Fachkompetenz in unterschiedlichen Disziplinen herum organisiert. Das hat der Gesellschaft enorme Vorteile gebracht und wird es meiner Meinung nach auch weiterhin tun. Nur wird Fachkompetenz durch KI zunehmend zu einem Gut, das sich leichter und breiter verfügbar machen lässt. Das bedeutet nicht, dass wir keinen Wert mehr haben. Es bedeutet lediglich, dass man heute über ChatGPT oder Claude auf das Wissen von Yascha Mounk oder David Deming zugreifen kann. Diese Systeme haben sich gewissermaßen die gesamte Menschheitsgeschichte einverleibt und das darin enthaltene Wissen so zusammengeführt, dass Menschen Zugang zu einer relativ individuell zugeschnittenen Form von Fachkompetenz erhalten.
Die Frage lautet also: Was können wir als Universität weiterhin leisten? Ich glaube, die Antwort ist, wie ich in meiner Rede gesagt habe, dass wir nach wie vor eine Lerngemeinschaft sind. Es gibt viele Fähigkeiten, Denkweisen und Tugenden, die man eigentlich nur in der Gemeinschaft mit anderen Menschen erlernen kann. Man kann sie nicht allein vor einem Computerbildschirm erwerben. Deshalb sollten wir zu einer sehr alten Vorstellung von der Universität zurückkehren, zum Collegium – einer mittelalterlichen Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden, die gemeinsam lernen. Tugenden wie Gerechtigkeit, Integrität und Fairness erlernt man am besten im Umgang mit anderen. Darauf sollten wir uns meiner Meinung nach verstärkt konzentrieren. Nicht, dass Experten künftig unwichtig wären, sondern weil dies im Zeitalter der KI etwas ist, das nur wir leisten können.
Mounk: Lassen Sie mich die möglichen Auswirkungen künstlicher Intelligenz auf die Universitäten in drei Bereiche unterteilen. Erstens besteht einer der wesentlichen Gründe für die Existenz von Universitäten darin, Forschung zu betreiben. Dafür brauchte es die Ressourcen, über die Universitäten verfügten, und, offen gesagt, die merkwürdige Zweckgemeinschaft von Lehre und Forschung, um die Gehälter der Menschen finanzieren zu können, die solche Forschung betrieben. Nun sieht es so aus, als werde künstliche Intelligenz zunehmend in der Lage sein, einen großen Teil dieser Forschung zu übernehmen.
Das ist eine positive Entwicklung, denn diese Forschung ist uns ja tatsächlich wichtig. Es macht einen Unterschied, ob wirtschaftswissenschaftliche Forschung besser oder schlechter ist, wenn es darum geht, Länder auf einen Entwicklungspfad zu bringen, eine mögliche Finanzkrise besser zu bewältigen oder Ähnliches. Und wenn wir glauben, dass bessere medizinische Forschung Menschenleben retten kann, wäre es doch sehr merkwürdig, auf die Vorteile der KI zu verzichten, nur weil wir aus irgendeinem Grund wollen, dass ausschließlich Menschen diese Arbeit übernehmen. Allerdings könnte sich dadurch die Frage stellen, ob Universitäten noch in derselben Weise gebraucht werden.
Der zweite Punkt betrifft die finanzielle Grundlage der Universitäten. Wird ein Hochschulstudium den Menschen im Laufe ihres Lebens weiterhin dieselben finanziellen Vorteile bringen? Wird es in der Wirtschaft weiterhin eine Nachfrage nach Menschen mit hohen kognitiven Fähigkeiten geben? Und wenn das nicht der Fall ist, wer soll dann all die Studiengebühren bezahlen, auf die Sie von Ihren MBA-, LL.M.- und Bachelorstudierenden angewiesen sind, um Ihren Betrieb aufrechtzuerhalten?
Die dritte Herausforderung besteht schließlich darin, dass viele Aufgaben, die ich als Student früher selbst bearbeitet habe oder die ich während meiner Promotion in Harvard als Teaching Fellow – so nennt man das dort, nicht Teaching Assistant – meinen Studierenden gestellt habe, heute ganz einfach von KI erledigt werden können. Wie stellen wir also sicher, dass die Menschen tatsächlich noch etwas lernen? Sicherlich gibt es noch andere Möglichkeiten, diese Fragen zu unterteilen, aber so betrachte ich das Problem. Beginnen wir mit dem ersten Punkt und arbeiten uns dann weiter vor. Wie sollten wir über die Forschung nachdenken und darüber, ob wir Universitäten weiterhin als Arbeitgeber und als Einrichtungen brauchen, die diese Art von Forschung ermöglichen?
Deming: Das war kein Thema meiner Rede, weil sie sich an Bachelorstudierende richtete und auf deren Studienalltag konzentrierte. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass Universitäten auch künftig Zentren der Forschung bleiben sollten und bleiben werden. Dafür gibt es meiner Meinung nach zwei Gründe.
Der erste betrifft die Forschung, die heute finanziert wird – nehmen wir beispielsweise die KI-Labore. Ein großer Teil der Forschung, die von führenden KI-Laboren finanziert wird, ist wertvoll, aber ihre Herkunft wirft Fragen auf. Diese Unternehmen haben ein finanzielles Interesse daran, dass die Forschung bestimmte Ergebnisse hervorbringt. Deshalb kann man den veröffentlichten Ergebnissen nicht immer uneingeschränkt vertrauen. Nicht unbedingt, weil daran etwas falsch wäre, sondern weil sich die Frage stellt, ob OpenAI, Anthropic, Google DeepMind oder ein anderes Labor Ergebnisse veröffentlichen würden, die sich negativ auf das Geschäftsergebnis des eigenen Unternehmens auswirken könnten. Man kann die Ergebnisse nicht vollständig einordnen, weil beispielsweise schon bei der Auswahl dessen, was veröffentlicht wird, darauf geachtet wird, dass es dem Unternehmen nicht schadet. So ist das nun einmal. Hinzu kommt, dass ein Großteil dieser Forschung sehr anwendungsorientiert ist. Es geht etwa darum, wie Menschen KI einsetzen, um eine bestimmte Aufgabe zu erledigen. Universitäten betreiben dagegen sehr viel grundlegendere Forschung, denn ihr Zweck besteht darin, Wissen hervorzubringen, und nicht darin, dessen spätere kommerzielle Verwertbarkeit oder andere mögliche Folgen in den Vordergrund zu stellen. Es gibt Grundlagenforschung, aus der später wichtige Entdeckungen hervorgehen und die am besten an einer Einrichtung wie einer Universität stattfinden kann. Ich halte die Universität für eine der großen Erfindungen der Menschheit und hoffe sehr, dass sie auch künftig ein Zentrum der Forschung bleibt.
Der zweite Punkt ist die von Ihnen angesprochene merkwürdige Verbindung von Forschung und Lehre. Ich glaube tatsächlich, dass sich beide in hohem Maße ergänzen. Man versteht ein Konzept erst dann wirklich, wenn man es jemandem erklären kann, der weniger darüber weiß als man selbst. Ich glaube, einer der Gründe, warum herausragende Wissenschaftler aus allen Fachgebieten an Universitäten arbeiten wollen, auch in der Informatik – wir haben zwar erlebt, dass einige in die KI-Labore gewechselt sind, aber viele kehren weiterhin zurück oder sind bereits zurückgekehrt –, liegt darin, dass die Lehre einen geistig beweglich hält und den Kontakt zur nächsten Generation ermöglicht. Viele Studierende hier in Harvard sind mit KI viel selbstverständlicher vertraut als ich. Wenn ich über die neuesten Entwicklungen auf dem Laufenden bleiben will, hilft es mir tatsächlich, mit ihnen im Seminarraum zu sitzen und zu sehen, wie sie auf bestimmte Dinge reagieren. Deshalb glaube ich, dass sich Lehre und Forschung ihrem Wesen nach ergänzen. Und ich persönlich würde darauf setzen, dass die Forschungsfunktion der Universitäten im Zeitalter der KI weiterhin eine wichtige Rolle spielen wird. Ich glaube nicht, dass sie verschwinden wird. Wenn überhaupt, stehen wir vor Herausforderungen wie der Frage, ob wir über genügend Rechenkapazität verfügen, um Forschung an der technologischen Spitze zu betreiben. Bestimmte Arten von Forschung sind in der Industrie möglicherweise besser aufgehoben, andere dagegen an Universitäten. Ich sehe eigentlich nicht, dass sich daran etwas ändern wird. Wer weiß – aber ich sehe nicht, dass sich das im Zeitalter der KI ändern wird.
Mounk: Kommen wir zum zweiten Punkt. Wie groß ist Ihre Sorge, dass die gesamte wirtschaftliche Grundlage dieser Universitäten ins Wanken geraten könnte?
Das könnte zum einen daran liegen, dass Hochschulabschlüsse auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr denselben Wert haben wie bisher, unter anderem weil Menschen, die hohe kognitive Fähigkeiten nachweisen können, dort möglicherweise nicht mehr in gleichem Maße gefragt sind. Zum anderen stammen erhebliche Teile Ihrer Einnahmen von Studierenden, deren Eltern sich ein Bachelorstudium leisten können. Wenn einige dieser Eltern ihre Arbeit verlieren, können sie womöglich auch die Studiengebühren ihrer Kinder nicht mehr bezahlen. An Business Schools etwa beruht ein großer Teil der Studiengebühren darauf, dass Absolventen zunächst einige Jahre bei McKinsey oder BCG arbeiten und diese Unternehmen anschließend ihr Studium an einer Business School finanzieren, in der Erwartung, dass sie danach ins Unternehmen zurückkehren. Vielleicht halten diese Firmen eine solche Investition nicht mehr in gleichem Maße für lohnend, wenn sie zunehmend auf KI-Werkzeuge setzen. Schließlich könnte sich auch einfach die Erwartung durchsetzen, dass ein Hochschulabschluss nicht mehr dabei hilft, eine Stelle zu finden. Warum sollte man also einen Kredit aufnehmen, wenn der Abschluss einem keinen Arbeitsplatz verschafft? Und wenn all das zutrifft und ein großer Teil der öffentlichen Einnahmen aus Lohn- und Einkommensteuern stammt – während Harvard, wie wir während einiger Angriffe der Regierung auf die Universität erfahren haben, erhebliche Mittel von der Bundesregierung erhält –, dann entsteht daraus eine weitere Quelle finanzieller Instabilität. Könnte also die Zeit, in der amerikanische Universitäten sowohl im historischen als auch im internationalen Vergleich außergewöhnlich wohlhabend waren, ihrem Ende entgegengehen?
Deming: Das ist eine ziemlich gewichtige Frage, und ich kenne die Antwort darauf nicht wirklich. Aber Folgendes halte ich für einigermaßen sicher: Ich glaube, dass das Geschäftsmodell der Universitäten ernsthaft bedroht ist, bin mir allerdings nicht sicher, ob all diese Bedrohungen mit KI zusammenhängen. Viele davon haben meiner Meinung nach demografische Ursachen. In den USA beginnt die Zahl der Schulabgänger zu sinken, was die Universitäten unter Druck setzen wird. Das ist allerdings etwas anderes, als wenn das grundlegende Modell eines Hochschulstudiums infrage gestellt würde. Ich glaube, dass viele Hochschulen, insbesondere kleine private Colleges im Nordosten der USA, wo der Bevölkerungsrückgang stärker ausgeprägt ist, schließen müssen und es zu weiteren Zusammenschlüssen kommen wird.
Ich glaube außerdem, dass ein Teil der Forschung in den Natur- und Ingenieurwissenschaften sowie in der Informatik inzwischen enorme Ressourcen erfordert, sodass es für viele Universitäten schwierig wird, sie aufrechtzuerhalten. Wahrscheinlich wird es zu einer gewissen Konzentration kommen – die reichen Universitäten werden gewissermaßen noch reicher –, und der Druck auf die Hochschulen wird vor allem am unteren Ende der Rangfolge nach Selektivität zunehmen. Ich glaube nicht, dass die staatlichen Universitäten darunter besonders leiden werden. Wenn überhaupt, könnten sie sogar etwas gestärkt daraus hervorgehen. Betroffen sein werden vor allem kleine private Colleges, die ohnehin schon kaum über die Runden kommen.
Ich glaube nicht, dass das bedeutet, dass die Menschen künftig nicht mehr studieren werden. Wenn man sich nämlich anschaut, wie sich der Anteil der 18- bis 25-Jährigen entwickelt hat, die an einem traditionellen vierjährigen College eingeschrieben sind, stellt man fest, dass er über den gesamten Zeitraum sogar leicht gestiegen ist. Es hält sich die Vorstellung, das Hochschulstudium habe ausgedient, aber das spiegelt sich in den tatsächlichen Entscheidungen der Menschen nicht wider. Sämtliche Schwankungen bei den Studierendenzahlen im vergangenen Jahrzehnt betrafen die zweijährigen Colleges. Das liegt daran, dass die Einschreibungen an Community Colleges stark antizyklisch verlaufen. Wenn der Arbeitsmarkt sehr gut läuft, entscheiden sich die Menschen gegen ein Studium, und in einer Rezession kehren sie an die Hochschulen zurück. Wir hatten historisch niedrige Arbeitslosenquoten. Deshalb glaube ich, dass das Gerede vom Ende des Hochschulstudiums eher Ausdruck einer bestimmten Stimmung ist als der tatsächlichen Lage. Aber ich gebe Ihnen recht, dass unsere Arbeit unter erheblichem Druck steht und wir uns anpassen müssen. Man sieht bereits, dass an vielen Stellen auf unterschiedliche Weise gespart wird, und ich glaube, das ist wahrscheinlich eine gute Sache.
Ich würde also sagen, dass das Geschäftsmodell der Hochschulbildung unter Druck steht, aber nicht, dass es sich um eine existenzielle Bedrohung handelt. Es ist ein ernsthafter, aber durchaus normaler Druck, wie ihn bestimmte Branchen immer wieder erleben. Hoffentlich führt das zu Innovationen, denn es gibt vieles, was wir besser machen können, sehr vieles sogar. Besonders in der Bachelorbildung. Sie haben nach Masterstudiengängen gefragt, und ich glaube, dass diese deutlich stärker unter Druck stehen, weil ihr Angebot viel unmittelbarer mit dem Arbeitsmarkt verknüpft ist. Man kann bereits beobachten, dass Unternehmen Alternativen dafür entwickeln. Was wir dagegen in der Bachelorbildung leisten, ist vor allem die intellektuelle und moralische Bildung junger Menschen. Und es gibt einfach nicht viele Einrichtungen, an die man einen Achtzehnjährigen schicken könnte, um ihm eine solche Bildung zu ermöglichen. Anders ausgedrückt: Wir erfüllen eine ganze Reihe unterschiedlicher Aufgaben. Außerhalb der Universitäten findet man durchaus Angebote, die eine oder zwei davon übernehmen, aber es ist schwer, eine Einrichtung zu finden, die all das zugleich leistet.
Meine bescheidene Prognose lautet deshalb, dass die Universitäten überleben werden. Wir werden uns verändern, uns anpassen und wahrscheinlich auch einige Hochschulen verlieren. Aber ich würde auf die Zukunft der Universität setzen. Ich glaube an sie und an das, was sie leistet. Nicht, weil ich der Meinung wäre, dass es keine Probleme gibt – tatsächlich gibt es sehr viele. Aber ich glaube nicht, dass das Hochschulstudium ausgedient hat.
Mounk: Sprechen wir über diese intellektuelle und moralische Bildung, denn ich glaube, Sie haben recht, dass darin das zentrale Versprechen der Universitäten liegt. Natürlich ist die Fähigkeit der Universitäten, eine solche intellektuelle und moralische Bildung zu vermitteln, in den vergangenen Jahren stark umstritten gewesen. Das hat zum Teil ideologische Gründe. Viele Menschen haben den Eindruck, Universitäten seien ideologisch homogene Einrichtungen. Wenn sie ihre Kinder zum Studium dorthin schicken, so die Befürchtung, kehren diese mit ganz anderen Ansichten und Vorstellungen zurück als denen, mit denen sie aufgewachsen sind. Das kann natürlich auch etwas Gutes sein. Schließlich besteht der Sinn einer Universität gerade darin, den Horizont zu erweitern und den Geist für neue Perspektiven zu öffnen. Wenn niemand im Laufe seines Studiums seine Sicht auf die Welt ändern würde, wäre das äußerst besorgniserregend. Das galt allerdings auch schon vor zwanzig oder vierzig Jahren, als die meisten Amerikaner dem Hochschulwesen noch vertrauten. Möglicherweise hat sich die Art dieses Problems inzwischen verändert, da laut Umfragen des Pew Research Centers und anderer Institute die Mehrheit der Amerikaner dem Hochschulwesen offenbar nicht mehr vertraut.
Gleichzeitig stellen sich Fragen hinsichtlich der intellektuellen Bildung. Vieles daran, wie diese Bildung bisher stattfand und worin sie bestand, könnte sich im Zeitalter der KI verändern. Wie haben Sie in Ihrer Rede die Frage behandelt, wie Universitäten ihre Arbeit angesichts dieser Entwicklung verändern sollten? Anschließend können wir auf einige dieser Punkte genauer eingehen.
Deming: Zunächst einmal halte ich das ideologische Gleichgewicht für ein ernsthaftes Problem, mit dem sich Hochschulen im ganzen Land auseinandersetzen müssen. Dabei geht es sowohl um Wahrnehmung als auch um Realität. Es ist durchaus möglich, und es trifft auch zu, dass die Professorenschaft nicht nur in Harvard, sondern an nahezu jeder Universität politisch eher links steht. Das bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, dass die Politik auch in den Unterricht Einzug hält. Zwischen diesen beiden Dingen würde ich unterscheiden. Tatsächlich ist es so, dass die meisten Professoren zwar die Demokraten wählen, aber nur relativ wenige ihre politischen Überzeugungen offen in den Unterricht einbringen. Das kommt vergleichsweise selten vor und ist für den Lernerfolg der Studierenden in der Regel nicht förderlich. Wenn ich unterrichte, spreche ich nie über meine eigenen politischen Ansichten. Ich bin sogar ein wenig stolz darauf, wenn meine Studierenden darüber rätseln, was ich eigentlich denke. Denn mein Ziel ist es, ihnen zu helfen, unterschiedliche Fragen aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Ich sage ihnen immer: Selbst wenn man für eine bestimmte Position eintritt, muss man die Gegenseite verstehen, um überzeugende Argumente vorbringen zu können.
Deshalb glaube ich, dass man eine gute Ausbildung erhalten kann, die kritisches Denken und ideologische Offenheit vermittelt, selbst wenn man überwiegend von Republikanern oder überwiegend von Demokraten unterrichtet wird. Zwischen diesen beiden Dingen würde ich unterscheiden. Beides sind Probleme, aber besonders problematisch ist es, wenn Lehrende ihre politischen Ansichten in einen Unterricht einbringen, in dem diese nichts zu suchen haben. Es gibt natürlich Lehrveranstaltungen, in denen politische Fragen angebracht sind. Aber wenn man organische Chemie unterrichtet und dabei Bemerkungen über eine bestimmte Regierung macht, ist das schlicht nicht relevant. Ich glaube, dass so etwas an amerikanischen Hochschulen tatsächlich ziemlich selten vorkommt. Aber selbst wenn es selten ist, sollte es noch seltener werden.
Mounk: Dazu möchte ich ein paar Dinge sagen. Erstens glaube ich nicht, dass dies ausschließlich ein Problem der Harvard University oder der Johns Hopkins University ist, an der ich unterrichte. Ich glaube auch nicht, dass es sich ausschließlich um ein amerikanisches Problem handelt. Ganz ähnliche Probleme gibt es in anderen Ländern, in Europa und anderswo. Tatsächlich halte ich das für ein sehr grundlegendes Problem der Universitäten, das sich nur schwer lösen lassen wird, und zwar aus Gründen, die etwas tiefer liegen, als gemeinhin angenommen wird.
Vor fünfzig Jahren ließ sich aus dem Bildungsniveau eines Menschen kaum vorhersagen, welche Partei er wählen würde. Wenn überhaupt, war ein höheres Bildungsniveau in den USA wohl eher mit einer etwas größeren Wahrscheinlichkeit verbunden, die Republikaner statt der Demokraten zu wählen. Gleichzeitig gab es aber schon immer eine besonders hochgebildete Elite, die politisch etwas weiter links stand. Der durchschnittliche gebildete Amerikaner gehörte zur oberen Mittelschicht und wählte deshalb eher die Republikaner, die im Allgemeinen für niedrigere Steuern und Ähnliches eintraten. Zugleich gab es aber immer das Bild des Harvard-Professors als eines mehr oder weniger linksgerichteten Radikalen. In gewisser Weise glich sich das also aus.
Heute leben wir in einer Zeit, in der es aus welchen tieferliegenden Gründen auch immer – die meiner Meinung nach noch niemand vollständig verstanden und zutreffend beschrieben hat – in praktisch jeder entwickelten Demokratie, die mir einfällt, eine enorme Polarisierung entlang des Bildungsniveaus gibt. Je höher der Bildungsabschluss, desto weiter links stehen die Menschen politisch. Das führt dazu, dass die meisten Professoren und auch die meisten Menschen, aus denen sich der akademische Nachwuchs rekrutiert, politisch deutlich links stehen. Viele Studierende, die häufig aus hochgebildeten Familien stammen, sind ebenfalls eher links orientiert. So entstehen Institutionen, die eigentlich in gewisser Weise die Gesellschaft repräsentieren und mit ihr im Austausch stehen sollen, politisch aber sehr viel weiter links stehen als die Gesellschaft insgesamt.
Und das gilt schon, bevor wir überhaupt auf die verschiedenen hausgemachten Probleme zu sprechen kommen, die es meiner Meinung nach ebenfalls gibt, etwa wenn Professoren sich kategorisch weigern, jemanden einzustellen, der für seine konservativen politischen Ansichten bekannt ist. Schon unabhängig davon treiben diese strukturellen Ursachen einen tiefen Keil zwischen die Universitäten und die vermeintlichen gesellschaftlichen Eliten, die sie ausbilden, auf der einen Seite und den Rest der Bevölkerung auf der anderen.
Deming: Sie sagen also, dass die Voraussetzungen für Fortschritte in diesem Bereich denkbar ungünstig sind. Ich glaube, das stimmt auf jeden Fall. Alles, was Sie über die grundlegenden Schwierigkeiten gesagt haben, innerhalb der Professorenschaft irgendeine Form von Ausgewogenheit herzustellen, trifft zu. Ich würde allerdings Folgendes ergänzen: Gleichzeitig befragen wir unsere Studierenden jedes Jahr zu einer Reihe von Themen, die wir unter Begriffen wie intellektuelle Offenheit und respektvoller Meinungsaustausch zusammenfassen. Wir stellen ihnen Fragen wie: Fühlen Sie sich wohl dabei, mit jemandem zu diskutieren, dessen Meinung Sie nicht teilen? Haben Sie das Gefühl, dass der Seminarraum ein Ort ist, an dem Sie Ihre politischen Ansichten äußern können, selbst wenn Sie damit in der Minderheit sind? Bei diesen Fragen haben wir hier in Harvard in den vergangenen zwei, drei oder vier Jahren deutliche positive Fortschritte festgestellt, obwohl sich die politische Ausrichtung unserer Professorenschaft in diesem Zeitraum, grob gesagt, überhaupt nicht verändert hat.
Ich glaube, dass beides wichtige Fragen sind. Ich möchte lediglich sagen, dass Fortschritte durchaus möglich sind, wenn es darum geht, ob Menschen das Gefühl haben, eine Ausbildung erhalten zu können, die ideologisch nicht einmal unbedingt ausgewogen, sondern einfach neutral ist. Politik durchdringt schließlich nicht immer alles. Oft möchte man einfach nur etwas lernen. Ich glaube, dass das auch unter den von Ihnen beschriebenen strukturellen Bedingungen möglich ist, deren Veränderung sehr viel länger dauern wird. Wir müssen diese Probleme weiterhin angehen, aber sie werden sich nicht über Nacht lösen lassen.
Mounk: Lassen Sie mich auf Ihren anderen Punkt eingehen. Ich stimme Ihnen zu, dass der durchschnittliche Kollege an der Johns Hopkins University und auch der durchschnittliche Professor, bei dem ich während meiner Promotion in Harvard studiert habe, politisch eher links stand, seine Ansichten den Studierenden im Unterricht aber keineswegs aufzwang. Ich betreibe allerdings diesen Podcast und äußere mich häufig öffentlich. Deshalb fällt es meinen Studierenden nicht besonders schwer herauszufinden, wo ich politisch stehe. Umso mehr sehe ich mich im Seminarraum in der Pflicht, deutlich zu machen und vorzuleben, dass ich sie nach der Qualität ihrer Argumente beurteile und nicht danach, ob sie etwas sagen, dem ich zufällig zustimme. Ich sage ihnen immer ausdrücklich, dass es mir sehr viel lieber ist, wenn sie ein interessantes Argument vorbringen, dem ich widerspreche, als wenn sie meine eigenen Ansichten schlecht nachplappern. Daran habe ich keinerlei Interesse. Ich glaube, dass meine Studierenden mir das mit der Zeit auch abnehmen. Aber es kommt sehr häufig vor, dass Studierende mir sagen: Vielen Dank, das schätze ich an Ihrem Seminar. In diesem oder jenem anderen Kurs hatte ich dieses Gefühl überhaupt nicht. Dort wissen wir alle, dass man einfach die Ansichten des Professors wiederholen muss. Auch hier glaube ich nicht, dass das der Regelfall ist. Aber solche Erfahrungen hinterlassen bei den Studierenden, die sie machen, einen tiefen Eindruck.
Gibt es etwas, das Sie in Ihrer Führungsposition tun können, um solchen Situationen entgegenzuwirken? Dabei muss man natürlich berücksichtigen, dass auf der anderen Seite ein sehr hohes Gut steht: die akademische Freiheit. Hier müssen zwei unterschiedliche Werte gegeneinander abgewogen werden. Einerseits halte ich ein solches Verhalten für einen tatsächlichen Missbrauch institutioneller Macht. Die Universität gibt mir das Recht, meine Studierenden zu benoten, und ich werde mein Recht verteidigen, dies nach meinem eigenen fachlichen Urteil zu tun, denn das gehört zum Kern meiner akademischen Kompetenz und meiner akademischen Freiheit. Wenn ich diese Befugnis aber dazu nutze, meine Studierenden dazu zu bringen, politische Ansichten nachzuplappern, die sie gar nicht teilen, weil sie andernfalls statt einer Eins nur eine Zwei bekommen, dann missbrauche ich meine Autorität ganz eindeutig. Kann die Universität also etwas tun, um sicherzustellen, dass solche Fälle seltener vorkommen als bisher?
Deming: Eine ausgezeichnete Frage. Ich glaube, die Antwort lautet ja. Aber aus all den Gründen, die Sie bereits angesprochen haben und auf die ich noch näher eingehen kann, ist es wichtig, dabei unsere Grundsätze der akademischen Freiheit zu wahren und etwas Geduld mitzubringen, also längerfristig zu denken. Denn viele der kurzfristigen Lösungen, die derzeit vorgeschlagen werden, funktionieren meiner Meinung nach nicht besonders gut.
Wenn ich zu den Professoren gehen und ihnen sagen würde: „Damit müssen Sie aufhören“, dann würde ich gegen einen wichtigen Grundsatz unserer Universität verstoßen, nämlich dass die Lehrenden innerhalb bestimmter Grenzen im Seminarraum weitgehend selbst bestimmen können. Ich halte das tatsächlich für entscheidend für den wissenschaftlichen Fortschritt. Viele Innovationen in Forschung und Lehre entstehen gerade durch die Autonomie, die wir den Professoren einräumen, die an der Spitze ihrer jeweiligen Fachgebiete arbeiten. Wir geben ihnen große Freiheiten, so zu unterrichten, wie sie es für sinnvoll halten. Deshalb halte ich diesen Grundsatz für außerordentlich wichtig. Das bedeutet aber auch, dass man als Hochschulleiter akzeptieren muss, nur begrenzt Einfluss darauf nehmen zu können, wie Professoren unterrichten. Als Professor ist mir das selbst sehr wichtig. Für diejenigen, die uns zuhören und selbst Professoren oder Hochschulleiter sind: Sobald man eine unbefristete Professur hat, ist man im Grunde auf Lebenszeit angestellt. Wir sind alle gewissermaßen Partner derselben Einrichtung und übernehmen abwechselnd solche Leitungsaufgaben. Aber ich betrachte mich in erster Linie als Professor und frage mich deshalb: Würde ich wollen, dass jemand so mit mir umgeht? Die Antwort lautet meistens nein.
Dennoch glaube ich, dass man durchaus einiges bewirken kann, indem man Überzeugungsarbeit leistet, die Menschen für bestimmte Werte gewinnt und selbst vorlebt, wie die Mitglieder unserer Gemeinschaft miteinander umgehen sollten. Es geht nicht darum, mit harter Hand zu sagen: „Sie machen etwas falsch, machen Sie es besser.“ Vielmehr geht es beispielsweise darum, mit den Studierenden zu sprechen. Ich spreche sehr viel mit ihnen über diese Werte, die wir, wie gesagt, mit Begriffen wie intellektuelle Offenheit und respektvoller Meinungsaustausch beschreiben. Letztlich geht es darum, bestimmte Fähigkeiten zu entwickeln. Man kommt an die Universität, um herausgefordert zu werden. Mein Kollege Tarek Masoud sagt gerne, und ich glaube, er hat recht, dass man sich das Studium wie ein Fitnessstudio für den Geist vorstellen sollte. Man geht nicht dorthin, um die leichtesten Gewichte zu heben, sondern nimmt die schwersten, die man bewältigen kann, weil man sich bewusst einer Herausforderung aussetzen und seine Fähigkeiten erweitern will. Genau das sollte eine hervorragende Universitätsbildung leisten.
Je öfter ich das nicht nur sage, sondern auch selbst vorlebe, desto besser. Ich veranstalte jeden Monat öffentliche Gespräche mit Studierenden, bei denen alles offiziell protokolliert wird. Die Studierendenzeitung The Harvard Crimson kommt und stellt mir Fragen, anschließend stellen die Studierenden ihre eigenen, oft völlig anderen Fragen. Nichts davon ist vorher abgesprochen. Studierende haben mich schon zu allen möglichen Themen herausgefordert – zu einem Rückzug von Investitionen aus Israel, zur Präsidentschaft Trumps oder dazu, ob Harvard diese oder jene Entscheidung treffen wird. Manchmal kann ich die Fragen nicht beantworten, manchmal fühle ich mich nicht wohl dabei, sie zu beantworten, oder meine Antwort fällt nicht besonders gut aus. Aber ich versuche es. Ich mache viele solcher Dinge, um den Menschen zu zeigen, dass die Universität ein Ort der persönlichen Entwicklung ist, an dem man Autoritäten infrage stellen kann, dass das völlig normal ist und dass wir alle dabei unsere jeweilige Rolle spielen.
Außerdem tausche ich mich mit meinen Kollegen darüber aus, welche Ansätze sich bewährt haben, und bringe Menschen zusammen, denen diese Fragen wichtig sind. Hier in Harvard gibt es eine Gruppe von Professoren, den Council on Academic Freedom, die sich für entsprechende Veränderungen einsetzt und dazu anregt, über diese Fragen nachzudenken. Ich glaube, dass all diese Dinge als Teil eines größeren Ganzen sinnvoll sind. Ich kann meinen Beitrag leisten, indem ich deutlich mache, dass ich kein Problem damit habe, wenn man mich herausfordert, und dass ich akzeptiere, nicht immer recht zu haben. Auf dieser Ebene setze ich normalerweise an. Das hat zum Teil praktische Gründe, denn ich möchte den Professoren nicht vorschreiben, wie sie zu unterrichten haben. Aber ich glaube auch, dass dieser Ansatz langfristig wirksamer ist und dass man durch das eigene Verhalten zeigen kann, wie es besser geht. Wenn ich selbst unterrichte, versuche ich ebenfalls, mich daran zu halten.
Mounk: Kommen wir zu einem weiteren Spannungsverhältnis zwischen den Wünschen der Professorenschaft und dem, was nötig wäre, damit die Universität ihrem eigenen Anspruch gerecht wird. Ein großer Teil der intellektuellen und insbesondere der moralischen Bildung wurde von den Professoren aufgegeben und an eine Vielzahl von Verwaltungsmitarbeitern delegiert. Viele von ihnen leisten hervorragende Arbeit. Aber ich glaube, dass heute an einer amerikanischen Spitzenuniversität die Normen und Erwartungen, die neuen Studierenden vermittelt werden, zu einem großen Teil nicht mehr von Professoren geprägt werden, sondern von Verwaltungsmitarbeitern auf allen Ebenen der Universität. Ich glaube auch, dass es Probleme mit der ideologischen Zusammensetzung dieser Verwaltung gibt. Statistiken deuten darauf hin, dass ihre Mitarbeiter politisch sogar noch homogener links orientiert sind als die Professorenschaft und insbesondere häufiger der illiberalen statt der liberalen Linken angehören.
Aber es gibt hier noch ein anderes Problem, das uns zum Anfang unseres Gesprächs zurückführt, nämlich zu der Frage, welches Versprechen die Universitäten ihren Studierenden eigentlich geben. Die Botschaft lautet: Kommen Sie zu uns, wir haben diese außergewöhnlichen Professoren, die sich mit Ihnen als Menschen auseinandersetzen und Ihnen helfen werden, sich persönlich zu entwickeln und Ihren Charakter zu formen. In Wirklichkeit haben die Studierenden jedoch, zumindest außerhalb der Vorlesungen und Seminare, vor allem mit einem Heer von Verwaltungsmitarbeitern zu tun, von denen es mancherorts inzwischen mehr gibt als Studierende. Ich bin sicher, dass viele Professoren dieser Kritik grundsätzlich zustimmen würden. Wenn man ihnen dann aber sagt, dass sie deshalb künftig selbst die Einführungsveranstaltungen organisieren, bei bestimmten Veranstaltungen anwesend sein und so weiter müssen, werden sie einem sagen: „Vergiss es.“ Gibt es also eine Möglichkeit, wie die Universität sich tatsächlich reformieren kann und muss, um dieses Versprechen auf andere Weise einzulösen?
Deming: Sie haben den Finger genau in die Wunde gelegt. Man kann das aus zwei Perspektiven betrachten. Die eine ist, dass die Verwaltung schneller gewachsen ist als die Zahl der Professoren und Studierenden und dass es zu viele Verwaltungsmitarbeiter gibt. Die andere lautet: Warum ist das so? Ich glaube, ein Teil der Erklärung liegt darin, dass Professoren diese Aufgaben lieber an andere delegieren. Da schließe ich mich selbst ausdrücklich ein. Professoren wollen forschen und unterrichten. Viele andere Aufgaben möchten wir eigentlich nicht übernehmen, und vielleicht sind wir darin auch gar nicht besonders gut.
Darin liegt also ein Zielkonflikt: Wenn man Bereiche des Universitätslebens, die für die Erfahrungen der Studierenden wichtig sind, an die Verwaltung delegiert, gibt man damit auch die Kontrolle darüber ab. Im Gegenzug gewinnt man mehr Zeit, um während eines Forschungssemesters Bücher zu schreiben oder sich anderen Dingen zu widmen. Ich habe das selbst erlebt. Wie Sie wissen, ist das also nicht als Vorwurf gemeint. Aber ich würde sagen, dass ich mir fast immer wünschen würde, dass sich mehr Professoren an der Arbeit beteiligen, die ich hier am College zu leisten versuche. Einige engagieren sich außerordentlich stark, viele andere dagegen so gut wie gar nicht. Meinen Kollegen würde ich sagen: Wer Kritik übt, sollte, wenn er seine Rolle als fest angestellter Professor und damit gewissermaßen als Partner dieser Institution ernst nimmt, nicht nur kritisieren, sondern sich auch engagieren und versuchen, das Problem zu lösen. Denn nur so lässt es sich letztlich beheben. Wenn man ein Problem sieht und niemand sonst sich darum kümmert, dann ist man eben selbst an der Reihe.
Ich würde mir für alle Universitäten eine Art Vereinbarung wünschen: Wir investieren künftig einen größeren Teil jedes zusätzlichen Dollars in die unmittelbare Erfahrung von Lehrenden und Studierenden – in mehr Professoren, kleinere Seminare oder was auch immer nötig ist, um diese Beziehungen zu vertiefen – und einen geringeren Teil in die Verwaltung. Im Gegenzug engagieren sich die Professoren stärker im Leben der Studierenden. Ich glaube, das wäre ein guter Tausch für die Universität, und ich würde ihn sehr gerne eingehen. Ich sage das als jemand, der beide Rollen kennt. Ich habe vor zehn Jahren eine unbefristete Professur erhalten und seitdem praktisch durchgehend irgendwelche Leitungsaufgaben übernommen, nicht immer als Dekan, aber beispielsweise als Leiter von Forschungszentren oder Vorsitzender von Ausschüssen. Ich mache das nicht, weil es mir besonders viel Freude bereitet. Tatsächlich fühlt sich vieles davon manchmal wie eine zusätzliche Belastung an, denn ich liebe die Forschung und die Lehre. Deshalb bin ich überhaupt Wissenschaftler geworden. Aber ich halte diese Aufgaben auch für wichtig. Wenn man Teil einer Institution ist, an die man glaubt und von der man persönlich profitiert hat, dann übernimmt man Verantwortung, wenn man darum gebeten wird. Ich glaube, viele Professoren sehen das genauso. Manchmal wünschte ich allerdings, es wären noch mehr.
Mounk: Zum Teil geht es dabei auch darum, eine bestimmte Kultur zu schaffen und Normen zu prägen. Ich habe mein Bachelorstudium in Cambridge in England absolviert, wo damals noch großer Wert auf die individuelle Betreuung gelegt wurde. Die Verwaltung spielte im Studienalltag kaum eine Rolle, und man hatte wirklich sehr engen Kontakt zu den Professoren. Das war einer der Gründe, weshalb ich mich für eine akademische Laufbahn entschieden habe. Als ich dann an Ihrer Universität promovierte, wurde mir von Anfang an durch die dort herrschende Kultur sehr deutlich vermittelt: So kommt man in der akademischen Welt nicht voran. Natürlich soll man ein guter Dozent sein. Natürlich sollte man während der Promotion ein paar Semester unterrichten, weil man im Lebenslauf nachweisen können muss, dass man Lehrerfahrung gesammelt hat. Aber man sollte nicht zu viel in die Lehre investieren. Wenn man für ein Semester ein Stipendium bekommen kann – und davon gibt es, offen gesagt, ziemlich viele –, sollte man es annehmen, um sich statt auf die Lehre auf die Forschung konzentrieren zu können. Und wenn man darüber nachdenkt, als Tutor in einem der Studentenwohnheime tätig zu werden, sollte man sich das sehr gut überlegen. Denn dann muss man sich mit allen möglichen persönlichen Problemen der Studierenden herumschlagen, was einen erheblich vom Abschluss der Promotion ablenkt.
Ich glaube also, dass es dabei auch um etwas anderes geht. Während meiner Promotion haben wir viel über die Professionalisierung gesprochen, also darüber, welche Rolle die Universität dabei spielt, Promovierende auf eine akademische Laufbahn vorzubereiten. Ein wesentlicher Bestandteil dieser Professionalisierung bestand darin, ihnen beizubringen, dass eine zusätzliche Veröffentlichung in einer mittelmäßigen Fachzeitschrift sehr viel mehr wert ist als eine etwas bessere Lehrevaluation oder mehr Zeit, die man in seine Lehrtätigkeit an der Universität investiert.
Deming: Ich tue mein Bestes, um Promovierende und Nachwuchswissenschaftler vor Verwaltungs- und Gremienaufgaben zu schützen, die ihnen nicht dabei helfen, eine unbefristete Professur zu bekommen und sich in der Wissenschaft zu etablieren. Für Menschen, die gerade erst anfangen, insbesondere für diejenigen auf dem Weg zu einer unbefristeten Professur, ist es wichtig, sich auf die Forschung zu konzentrieren und sich wissenschaftliche Anerkennung zu erarbeiten. Die Frage ist nur, ob man nach der Entfristung nicht grundlegend umdenken sollte. Denn dann hat man das große Los gezogen. Wer eine unbefristete Professur an einer hervorragenden Universität wie Johns Hopkins oder Harvard erhält, hat im Leben das große Los gezogen. Man hat, so Gott will, eine vierzigjährige Karriere mit garantiertem Arbeitsplatz vor sich. Deshalb bin ich der Ansicht, dass man die Verpflichtung hat, etwas zurückzugeben. Einige Professoren, nicht die meisten, aber einige, verhalten sich auch nach ihrer Entfristung noch wie Nachwuchswissenschaftler und konzentrieren sich hauptsächlich auf ihr eigenes Forschungsprogramm. Dabei sollte es eigentlich darum gehen, etwas zurückzugeben, indem man andere genauso schützt, wie man selbst zu Beginn seiner Laufbahn geschützt wurde.
Mounk: In gewisser Weise ist die unbefristete Professur wohl das schlechteste aller denkbaren Systeme, abgesehen von allen anderen. Alles in allem verteidige ich dieses System. Gerade wenn es um akademische Freiheit und Meinungsfreiheit geht, schätze ich den Schutz, den eine unbefristete Professur bietet, sehr.
Allerdings glaube ich auch, dass Promovierende heute im Durchschnitt sechs, sieben oder acht Jahre für ihre Promotion brauchen. Anschließend folgen inzwischen meist noch mehrere Jahre als Postdoc. Die Zeit bis zur unbefristeten Professur hat sich aus den unterschiedlichsten Gründen immer weiter verlängert. Wenn man schließlich eine solche Stelle erhält, hat man im Durchschnitt vielleicht schon fünfzehn bis zwanzig Jahre in der Wissenschaft verbracht. Wenn man während dieser gesamten Zeit den Anreiz hat, sich zu sagen: Ich muss diesen ganzen Prozess überstehen, ich darf die vorherrschenden Lehrmeinungen meines Fachgebiets nicht infrage stellen und nichts sagen, was unpopulär sein könnte, weil ich dieses große Lebensprojekt, eine unbefristete Professur zu bekommen, auf keinen Fall gefährden darf, dann wird man sich nach der Entfristung nicht plötzlich verändern. Man ist so lange auf eine bestimmte Art zu denken und zu handeln geprägt worden, dass die neu gewonnene Freiheit in den meisten Fällen gar nicht genutzt wird. Ich befürchte, dass dasselbe gilt, wenn man fünfzehn bis zwanzig Jahre lang gelernt hat, dass eine weitere Veröffentlichung in einer Fachzeitschrift das ist, was einem Anerkennung verschafft, was wichtig ist und was den Kern der eigenen beruflichen Identität ausmacht. Dann wird es sehr schwer sein, so grundlegend umzudenken, wie Sie es beschreiben.
Deming: Als Beschreibung dessen, was tatsächlich geschieht, haben Sie vielleicht recht, oft sogar in den meisten Fällen. Trotzdem glaube ich, dass man etwas falsch macht, wenn man nach der Entfristung einfach genauso weitermacht wie zuvor. Denn der Sinn einer unbefristeten Professur besteht gerade darin, dass man anschließend etwas tun kann, was man sich sonst nicht getraut hätte. Das ist der eigentliche Grund, warum es diese Absicherung gibt. Ich glaube, das kann für unterschiedliche Menschen Unterschiedliches bedeuten. Man könnte sich beispielsweise einem riskanten Forschungsvorhaben widmen und auf eine Idee setzen, die auch scheitern kann, ohne deshalb seinen Arbeitsplatz zu verlieren. Oder man könnte sich stärker für die eigene Gemeinschaft engagieren. Jedenfalls sollte man diese unglaubliche Chance nutzen, um etwas Interessantes und Wertvolles zu tun. Für mich war immer klar, dass ich nach meiner Entfristung in irgendeiner Form einen Beitrag leisten sollte, und das habe ich versucht. Ich glaube nicht, dass ich damit allein bin. Ich denke, die meisten Professoren sehen das genauso. Aber diejenigen, die es nicht tun, sollten es meiner Meinung nach tun.
Mounk: Ich glaube, viele Professoren denken so. Ob auch viele entsprechend handeln, ist eine andere Frage. Die könnte ich mir übrigens selbst stellen.
Deming: Darf ich noch etwas ergänzen, Yascha? Ich weiß, dass wir gleich wieder zu den größeren Fragen zurückkehren wollen, aber ich muss noch etwas sagen, insbesondere für die Professoren, die uns zuhören. Man muss verstehen, dass sich die Gruppe der Menschen, die eine unbefristete Professur an einer führenden Forschungsuniversität bekommen können, und die Gruppe der Menschen, die in der Lage sind, irgendetwas zu leiten oder zu managen, in einem Venn-Diagramm kaum überschneiden. Man muss tatsächlich gar nicht besonders gut im Management sein, um in einer solchen Position etwas zu bewirken. Deshalb würde ich den Leuten einfach sagen: Versuchen Sie es. Nicht, weil es unbedingt großartig sein wird, sondern weil Sie damit tatsächlich etwas zurückgeben und darin Erfüllung finden werden. Das ist mein Plädoyer.
Mounk: Nun, dann möchte ich das Gegenplädoyer halten. Ich habe seit Langem eine kleine Rede über Dekane auf Lager, und ich hoffe, Sie nehmen mir das nicht persönlich, David. Ich glaube nämlich, dass eine unbefristete Professur einer der großartigsten Berufe der Welt ist. Man kommt damit dem Leben eines Aristokraten, der nicht arbeiten muss, so nahe wie kaum sonst. Ich glaube nicht, dass die meisten Wissenschaftler ein müßiges Leben führen. Tatsächlich arbeiten sie sehr hart, und ich arbeite ebenfalls sehr hart. Aber man verfügt über die finanziellen Mittel und die Freiheit, sich mit allem zu beschäftigen, was man auf der Welt für wichtig und interessant hält. Und das ist ein ungeheurer Luxus.
Ich glaube, Dekan zu sein, ist einer der schlimmsten Berufe der Welt. Erstens wird man, wie Sie sicherlich bemerkt haben, schon aufgrund seiner Position von allen gehasst. Professoren mögen politisch links stehen und progressiv sein, aber vor allem sind sie in ihren Instinkten und Überzeugungen antiautoritär. Sie hassen den Universitätspräsidenten, sie hassen ihren Dekan – manche mehr als andere, aber das ist die allgemeine Tendenz. Und dann ist es eine Führungsposition, in der man aber kaum Macht hat. Man kann nicht einfach Leute entlassen oder einstellen. Natürlich hat man Einfluss und trifft bestimmte wichtige Entscheidungen, aber man hat sehr viel weniger Macht als ein Regionalleiter bei Trader Joe’s. Ich bin deshalb sehr, sehr froh, Wissenschaftler mit einem sicheren Arbeitsplatz zu sein. Ich wäre jedenfalls viel lieber Regionalleiter bei Trader Joe’s, als Ihre Position zu übernehmen. Ist das unfair?
Deming: Nein, angesichts Ihrer persönlichen Vorlieben klingt das vollkommen vernünftig. Wissen Sie, als ich diese Stelle gerade angetreten hatte, wurde ich häufig danach gefragt. Wir veranstalteten damals eine Einführung für die neuen Tutoren in den Studentenwohnheimen, und jemand fragte mich: „War das Ihr Traumjob? Und wenn ja, was haben Sie getan, um ihn zu bekommen?“ Ohne nachzudenken, antwortete ich: „Ich habe meinen Traumjob aufgegeben, um diese Stelle anzutreten.“ Mein Traumjob war es, unbefristeter Professor an einer Universität wie Harvard zu sein. Das war es, was ich immer wollte. Aber der Grund, eine solche Aufgabe zu übernehmen, ist nicht, dass sie besser wäre als das, was man vorher gemacht hat. Man übernimmt sie, weil einem etwas daran liegt. In meinem Fall trat ich die Stelle eine Woche nach der Ankündigung an, dass wir die Trump-Regierung verklagen würden. Wenn man also an eine Institution und ihre Aufgabe glaubt und persönlich viel von ihr profitiert hat, dann kann es sein, dass man gebeten wird, Verantwortung zu übernehmen, und dann tut man das auch. Man sollte eine solche Aufgabe nicht als etwas betrachten, das einem besonders viel Freude bereiten wird, sondern als einen Dienst, den man leistet. Was mich dabei motiviert, ist die Wirkung, die ich erzielen kann, nicht die Freude an der täglichen Ausübung meiner Tätigkeit.
Das ist der Grund, eine solche Aufgabe zu übernehmen – und übrigens auch, sie nicht für immer auszuüben. Ich bin der Ansicht, dass man sich abwechseln sollte. Ich glaube nicht, dass es gut ist, wenn jemand zwanzig Jahre lang Dekan des College bleibt. Ich habe nicht vor, diese Stelle so lange oder auch nur annähernd so lange auszuüben. Ich halte es für sinnvoll, wenn die Verantwortung regelmäßig wechselt und Menschen diese Aufgaben übernehmen, die sich als Professoren verstehen und ihre Tätigkeit als Dienst an der Institution betrachten. Ich habe vor, wieder in die Lehre und Forschung zurückzukehren. Für die Leitung einer Universität halte ich es für wichtig, dass Menschen in Führungspositionen sitzen, die sich selbst als Teil der Professorenschaft verstehen. Denn so wird die Universität auf eine Weise geführt, die den Vorstellungen der Professoren entspricht. Irgendjemand muss diese Aufgaben übernehmen. Das ist mein Gegenplädoyer: Es geht nicht um den persönlichen Nutzen, sondern darum, einen Dienst zu leisten.
Mounk: Das ist das Ideal, abwechselnd zu regieren und regiert zu werden. Ich bin in diesem Lebensbereich sehr zufrieden damit, regiert zu werden. Ich habe keinerlei Ambitionen, selbst zu regieren. Kommen wir nun zum Kern einiger Fragen und Debatten über KI und das Lernen.
Ein grundlegendes Problem besteht natürlich darin, dass Universitäten in unserer Gesellschaft auch die Aufgabe haben, Fähigkeiten und Leistungen zu bescheinigen. Einer der Gründe, warum ein Abschluss von Harvard so wertvoll ist, liegt darin, dass ein hoher Notendurchschnitt und Ähnliches etwas über die intellektuellen Fähigkeiten eines Menschen aussagen sollen, darüber, was er gelernt hat und ob er in der Lage ist, eine Reihe anspruchsvoller Anforderungen zu erfüllen. Das wird auf dem Arbeitsmarkt geschätzt. Traditionell haben wir diese Fähigkeiten in den Geisteswissenschaften und teilweise auch in den Sozialwissenschaften überprüft, indem wir den Studierenden einige Tage Zeit gaben, einen Aufsatz zu schreiben. In den Naturwissenschaften, der Mathematik und ähnlichen Fächern ließen wir sie Aufgabenblätter bearbeiten. Heute können Claude, ChatGPT und vergleichbare Systeme all das außerordentlich gut für einen erledigen. Das tieferliegende Problem ist jedoch, dass wir, wenn wir die Aufgabe der Universitäten etwas idealistischer beschreiben, immer auch davon ausgegangen sind, dass gutes Schreiben und das eigenständige Lösen solcher Aufgaben wertvolle intellektuelle Fähigkeiten sind. Nun stellt sich ernsthaft die Frage, inwieweit das noch gilt, wenn eine Maschine diese Arbeit für einen übernehmen kann.
Bevor wir also darüber sprechen, wie wir Prüfungen und Leistungsbewertungen verändern müssen: Was müssen Studierende Ihrer Meinung nach überhaupt noch lernen? Müssen wir Mathematik und Naturwissenschaften weiterhin auf dieselbe Weise erlernen? Müssen Studierende noch lernen, einen Aufsatz in ihren eigenen Worten zu schreiben, wenn Claude und ChatGPT das theoretisch für sie übernehmen könnten?
Deming: Im Grunde ja, das müssen sie. Aber ich glaube, dass wir langfristig höhere Ansprüche daran stellen sollten, was es bedeutet, diese Fähigkeiten wirklich zu beherrschen. Was es heißt, gut schreiben zu können, wird sich verändern. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die grundlegenden Fähigkeiten, ein Argument zu entwickeln, sich auszudrücken, kritisch zu denken und unterschiedliche Positionen zu hinterfragen, irgendwann keinen Wert mehr haben werden. Im Gegenteil, ich glaube, sie wird sogar noch wertvoller werden. Ich denke nur, dass wir möglicherweise höhere Maßstäbe daran anlegen werden, wie jemand diese Fähigkeiten unter Beweis stellt, sei es in einer mündlichen Prüfung, einer Präsentation oder in einer anderen Form. Wir werden von den Menschen erwarten, dass sie die Behauptungen, die sie aufstellen, sehr viel gründlicher recherchiert haben, weil ihnen diese Werkzeuge zur Verfügung stehen.
Das wird also erneut große Umwälzungen mit sich bringen, aber ich glaube, dass es unsere Ansprüche letztlich auf sehr hilfreiche Weise erhöhen wird. Und ich glaube nicht, dass KI uns als Experten ersetzen wird, insbesondere nicht in Bereichen, die ihrem Wesen nach umstritten sind und in denen unterschiedliche Positionen vertreten werden können. Sie schreiben und denken viel über Politik nach. Ich glaube, dass für die Politik ein goldenes Zeitalter anbrechen wird. Denn anders als beispielsweise beim Programmieren handelt es sich bei der Politik nicht um einen Bereich, in dem sich überprüfen lässt, ob eine Antwort richtig ist und in dem es eine allgemein anerkannte richtige Lösung gibt. Ein Programm lässt sich entweder kompilieren oder eben nicht. In der Politik hingegen debattiert man nicht über Fragen, auf die es eine eindeutig richtige Antwort gibt. Die Ergebnisse entstehen aus den Überzeugungen und Wertvorstellungen der Menschen sowie aus bestehenden Machtverhältnissen. Ich glaube deshalb nicht, dass KI eine technokratische Lösung für etwas bieten kann, das letztlich häufig ein politischer Prozess ist.
Ich glaube deshalb, dass diejenigen profitieren werden, die wissen, wie sie diese Werkzeuge nutzen können, um sich Fachwissen auf einem bestimmten Gebiet anzueignen, und die anschließend die Fähigkeiten, die sie über dieses Fachwissen hinaus erworben haben, einsetzen, um andere von ihren Ansichten zu überzeugen, Menschen für ihre Ideen zu gewinnen und ihnen dabei zu helfen, Sinn und Orientierung auf eine Weise zu finden, die ihrer jeweiligen Lebenssituation entspricht. Deshalb glaube ich, dass Überzeugungskraft im Zeitalter der KI sehr viel wichtiger werden dürfte. Ich bin ziemlich optimistisch, dass Universitäten weiterhin einzigartige Orte sein können, an denen Menschen diese Fähigkeiten entwickeln. Dafür müssen sie sich allerdings anpassen. Genau damit beschäftige ich mich, darüber schreibe ich und darüber denke ich nach.
Mounk: Ganz kurz: Wie könnte diese Anpassung bei Prüfungen und Leistungsbewertungen konkret aussehen?
Deming: Ich möchte da bescheiden bleiben. Ich habe nicht auf alles eine Antwort, und wir versuchen alle gerade erst herauszufinden, wie wir damit umgehen sollen. Was ich in meinem eigenen Seminar im kommenden Frühjahr ausprobieren möchte, ist eine Strategie, die ich und andere als Hantelstrategie bezeichnen. Im Grunde geht es dabei um ein Entweder-oder. Wenn man in einer Lehrveranstaltung großen Wert darauf legt, zu überprüfen, ob die Studierenden den Stoff wirklich beherrschen, kann man Prüfungsbedingungen schaffen, unter denen der Einsatz von KI vollständig ausgeschlossen ist. Das könnte beispielsweise eine Rückkehr zu handschriftlichen Klausuren unter Aufsicht bedeuten. Wenn man eine große Einführungsvorlesung wie Ec 10, also Einführung in die Volkswirtschaftslehre, unterrichtet, kann man entsprechend vorgehen. Die beiden Harvard-Professoren Jason Furman und David Laibson, die Ec 10 unterrichten, haben die Gewichtung der zu Hause bearbeiteten Aufgabenblätter deutlich reduziert und die Zahl der beaufsichtigten Zwischenprüfungen von einer auf drei erhöht. Damit versuchen sie im Grunde, KI aus dem Prüfungsprozess herauszuhalten. Das ist das eine Ende der Hantel.
Am anderen Ende stehen Aufgaben, die entweder zu umfangreich sind, um sie innerhalb von drei Stunden zu bearbeiten, oder bei denen man von den Studierenden eine tiefere und längerfristige Auseinandersetzung mit einem Thema erwartet. In solchen Fällen muss man einfach akzeptieren, dass KI Teil des Arbeitsprozesses sein wird, und die Aufgaben entsprechend gestalten. Das bedeutet keineswegs, dass man die KI für sich schreiben oder denken lassen sollte. Ganz und gar nicht. Vielmehr muss man verstehen, dass Studierende bei der Entwicklung ihrer Gedanken auch ChatGPT oder Claude nutzen werden, und die Aufgaben so gestalten, dass sie dieser Realität Rechnung tragen.
Entscheidend ist meiner Meinung nach, dass wir keine Situation schaffen dürfen, in der wir einfach in den Seminarplan schreiben: „In zwei Monaten ist eine zwanzigseitige Hausarbeit abzugeben. Bringen Sie sie mir, wenn sie fertig ist. KI ist verboten.“ Und damit betrachten wir das Problem aus unserer Sicht als gelöst. Die Studierenden sitzen dann da und haben das Gefühl, vor einer Wahl zu stehen: Entweder sie verhalten sich integer, was das Richtige wäre, und verzichten auf KI, oder sie tun das Falsche und nutzen sie heimlich. In beiden Fällen entsteht ein Problem. Wer das Richtige tut, fühlt sich benachteiligt und schlecht dabei. Wer das Falsche tut, wird dafür belohnt. Deshalb müssen wir einfach akzeptieren, dass inzwischen praktisch alle ständig KI für alles Mögliche nutzen, und unsere Lehre entsprechend gestalten. Ich stelle mir das so vor, dass wir Leitplanken für die Bildung schaffen müssen, die anerkennen, dass diese Technologie existiert, und versuchen, sie zum Guten statt zum Schlechten einzusetzen. Was das konkret bedeutet, wird von Lehrveranstaltung zu Lehrveranstaltung unterschiedlich sein.
Mounk: Um auf die unvermeidliche Situation Ihrer Position als Dekan zu sprechen zu kommen, um einmal einen Begriff zu verwenden, den unsere Kollegen in den Geisteswissenschaften besonders lieben: Ihr Vorschlag, KI möglicherweise gerade bei längeren Hausarbeiten einzusetzen, hat erhebliche Kontroversen ausgelöst. Ich werde Sie in diesem Punkt verteidigen und Sie anschließend wegen etwas völlig anderem angreifen.
Mir fiel auf, dass Ihr Vorschlag etwas sehr Ähnliches aufgreift, wofür ich mich an der Johns Hopkins University schon seit einiger Zeit einsetze und was ich im vergangenen Jahr auch in meinen eigenen Seminaren ausprobiert habe. Ich glaube, Universitäten müssen zwei Dinge leisten. Erstens müssen sie sicherstellen, dass Studierende weiterhin lernen, gut zu schreiben. Meiner Meinung nach gibt es keinen Ersatz für das Schreiben, wenn es darum geht, die eigenen Gedanken zu klären. Ich bin immer versucht, einem Studierenden, der sagt: „Ich kann einfach nicht gut schreiben“, zu antworten: „Dann können Sie eben auch nicht gut denken.“ Ganz so weit gehe ich dann doch nie. Aber wenn wir miteinander sprechen, können wir oft einfach sagen: „Ich sehe das so“ oder „Meiner Meinung nach ist es so“, und dabei die notwendigen logischen Zwischenschritte überspringen. In der mündlichen Kommunikation ist das sehr leicht. Erst wenn man sich hinsetzt und versucht, seine Argumentation aufzuschreiben, merkt man, dass zwischen einem Gedanken und dem nächsten eine Lücke klafft. Dann wird das Schreiben schwierig, weil man seine Argumentation tatsächlich neu durchdenken und umgestalten muss.
Ich bin in Deutschland aufgewachsen und habe dort eine ziemlich schlechte Schreibausbildung erhalten. Ich war ein fauler Schüler und merkte irgendwann, dass meine Lehrer mir eine Eins gaben, wenn ich nur kompliziert genug schrieb, sodass sie nicht wirklich verstanden, was ich sagen wollte. Ich hatte großes Glück, während meines Bachelorstudiums eine vernünftige Ausbildung im Schreiben zu erhalten. Dadurch wurde ich nicht nur ein besserer Schreiber, sondern meiner Meinung nach auch ein sehr viel sorgfältigerer Denker. Deshalb bin ich fest davon überzeugt, dass wir das Schreiben als zentralen Bestandteil der Lehre bewahren müssen.
Gleichzeitig glaube ich aber auch, dass wir den Studierenden beibringen müssen, mit KI-Werkzeugen umzugehen, die in ihrem Leben und insbesondere in ihrem Berufsleben offensichtlich eine enorme Rolle spielen werden. Ich selbst nutze KI für die unterschiedlichsten Dinge. Nicht, um Fließtexte zu schreiben, aber für viele andere Aufgaben, etwa in der Forschung, bei der Erstellung von Grafiken und Ähnlichem. Das könnte übrigens eine großartige Entwicklung sein. Statt am Ende eines Semesters fünfzehn oder zwanzig Seminararbeiten von ziemlich guter Qualität zu bekommen, könnten die Studierenden mithilfe dieser Werkzeuge vielleicht etwas noch Anspruchsvolleres und Interessanteres auf die Beine stellen. Das würde mir als Professor ebenfalls mehr Freude bereiten.
Ich habe also genau das getan, wofür Sie sich ausgesprochen haben, wobei ich glaube, dass wir diese Frage auf der Ebene des gesamten Studiums betrachten sollten. Nicht unbedingt jede einzelne Lehrveranstaltung muss beide Ansätze verfolgen. Da wir meiner Meinung nach noch nicht so weit sind, dass wir im Laufe eines Studiums systematisch sowohl schreibintensive Kurse ohne KI als auch andere Lehrveranstaltungen anbieten, in denen KI ganz bewusst eingesetzt wird, lasse ich meine Studierenden inzwischen zum ersten Mal in meinem Leben handschriftliche Klausuren schreiben. Darin müssen sie innerhalb von zwei oder drei Stunden oder einer anderen vorgegebenen Zeit nachweisen, dass sie in der Lage sind, eine Argumentation zu einem bestimmten Thema schriftlich zu entwickeln. Gleichzeitig habe ich einigen Studierenden in bestimmten Zusammenhängen erlaubt, KI für ihre abschließenden Seminararbeiten ganz nach Belieben einzusetzen. Ich glaube, das hat ziemlich gut funktioniert. Deshalb möchte ich Sie in diesem Punkt verteidigen. Aber wie stellen wir sicher, dass das Schreiben im Laufe eines Bachelorstudiums weiterhin einen substanziellen Platz einnimmt? Dabei stellen sich zwei Fragen. Erstens: Wie sorgen wir dafür, dass es tatsächlich Lehrveranstaltungen mit handschriftlichen Klausuren gibt, in denen Studierende Aufsätze verfassen müssen? Zweitens: Wie gehen wir damit um, dass gutes Schreiben zu einem großen Teil eben nicht nur darin besteht, unter Zeitdruck einen einigermaßen brauchbaren Aufsatz zu verfassen? Es geht auch darum, einen Text immer wieder zu überarbeiten, neu zu schreiben und zu verbessern. Und das lässt sich in einer handschriftlichen Klausur sehr viel schwerer üben.
Deming: Da stimme ich Ihnen vollkommen zu. Ich muss zugeben, dass ich mich in der E-Mail, die ich an die Studierenden geschickt habe, geradezu überschlagen habe, um deutlich zu machen: „Das sind nur meine persönlichen Überlegungen, keine offizielle Richtlinie. Ich kenne die Antwort nicht, aber so denke ich darüber nach.“ Wenn man die gesamte E-Mail liest, wird das sehr deutlich. Wahrscheinlich habe ich unterschätzt, wie wenig die Menschen auf solche Einschränkungen achten würden und dass sie die Äußerungen eines Dekans automatisch als eine Art verbindliche Vorgabe verstehen. Tatsächlich kann ich den Professoren, die schreibintensive Lehrveranstaltungen anbieten, nicht nur nicht vorschreiben, wie sie zu unterrichten haben. Ich möchte es auch gar nicht, denn sie wissen darüber mehr als ich. Das war also überhaupt nicht meine Absicht. Ich wollte lediglich im Sinne eines ersten Anstoßes sagen: Lassen Sie uns darüber nachdenken und etwas ausprobieren. So war das gemeint. Aber ich verstehe, warum meine Aussagen in mancher Hinsicht aus dem Zusammenhang gerissen werden konnten. Ich nehme die dahinterstehende Überzeugung nicht zurück, aber ich kann nachvollziehen, warum manche Menschen empfindlich darauf reagieren, gerade in der gegenwärtigen Situation.
Was ich betonen möchte, ist Folgendes: Wenn man wie ich für die Bachelorbildung verantwortlich ist, muss man über die bloße Frage hinausdenken, ob man KI gut oder schlecht findet. Sie ist nun einmal da, Leute. Wir müssen uns darauf einstellen. Es geht nicht darum, KI heimlich in Seminarräume einzuführen, in denen sie bisher keine Rolle spielt. Die Realität ist schlicht, dass Studierende sie ständig nutzen. Es wird Professoren geben, die solche Lehrveranstaltungen unterrichten und bessere Ideen haben als ich. Viele von ihnen setzen solche Ansätze bereits um. Aber grundsätzlich glaube ich, dass eine Lösung darin besteht, sich sehr viel intensiver mit dem Schreibprozess der Studierenden auseinanderzusetzen, als wir es vielleicht gewohnt sind oder uns zunächst angenehm erscheint. Sie haben eine dreistündige handschriftliche Klausur erwähnt. Man könnte beispielsweise sagen: „Gut, ich möchte, dass Sie unter Aufsicht innerhalb von drei Stunden einen ersten Rohentwurf schreiben. Ich werde ihn nicht einmal benoten, sondern Ihnen lediglich Rückmeldung dazu geben. Dieser Entwurf bildet dann die Grundlage für Ihre längere Hausarbeit.“ Anschließend reichen die Studierenden eine Gliederung, eine erste Fassung und eine zweite Fassung ein, und ich frage sie: „Warum haben Sie diese Änderung vorgenommen?“ Ähnlich wie man ein KI-Modell umso besser auf bestimmte Ziele ausrichten kann, je genauer man seine Fähigkeiten versteht, kann man auch bei Studierenden umso besser sicherstellen, dass die Arbeit tatsächlich von ihnen selbst und nicht von der KI stammt, je besser man ihre Denk- und Schreibprozesse nachvollziehen kann. Deshalb glaube ich, dass es durchaus möglich sein wird, schreibintensive Lehrveranstaltungen anzubieten, in denen KI genutzt wird, solange die Professoren und anderen Lehrenden eng in den Prozess eingebunden sind und den Studierenden dabei helfen, ihre Ideen zu verbessern, zu überprüfen und weiterzuentwickeln.
Mounk: Solange wir uns keine Illusionen über die Fähigkeiten der KI-Modelle machen, oder? Was mich an der akademischen Welt wirklich erstaunt, ist, dass es natürlich viele Wissenschaftler gibt, die sich intensiv mit KI beschäftigen und genau wissen, wozu sie in der Lage ist. Gleichzeitig gibt es aber auch viele andere, die aus ideologischen Gründen oder einfach, weil sie nicht mehr ganz jung sind und sich langsamer an neue Entwicklungen anpassen, oder aus welchen Gründen auch immer, überhaupt keine Vorstellung davon haben, was KI inzwischen leisten kann. Ich war kürzlich an einem Gespräch beteiligt, in dem jemand sagte: „Ich weiß, wie man das Problem bei dieser Vorlesung lösen kann. Man erlaubt den Studierenden einfach, KI zur Beantwortung der ICA-Aufgabe zu verwenden, verlangt aber anschließend, dass sie die Antwort von Claude selbst kritisch beurteilen. Das ist nämlich etwas, was KI nicht kann.“ Und ich dachte nur: Wie kommen Sie darauf, dass KI das nicht kann? Natürlich kann sie auch das.
Deming: Fairerweise muss man sagen, dass sie das vor zwei Jahren wahrscheinlich noch nicht besonders gut konnte. Die Technologie entwickelt sich einfach unglaublich schnell.
Mounk: Ja, das stimmt natürlich. Aber es ist schon erstaunlich, wie oft mir Professoren selbstzufrieden erklären, dass ihre Aufgaben absolut KI-sicher seien, während ich mir denke: Ich könnte Claude dazu bringen, Ihre Aufgabe in zwei Minuten zu erledigen.
Deming: Das ist auch für mich ein Teil der Herausforderung, den ich damals vielleicht noch nicht vollständig begriffen hatte. Ich habe mich schon vor meiner Ernennung zum Dekan als Arbeitsmarktökonom mit KI beschäftigt und war in diesem Bereich ziemlich aktiv. Nicht in dem Sinne, dass ich mit einem der KI-Labore zusammenarbeiten oder persönliche Beziehungen zu ihnen unterhalten würde, sondern ich habe KI wissenschaftlich untersucht und regelmäßig selbst genutzt. Deshalb bin ich ziemlich gut darüber informiert, was sich in diesem Bereich tut, und habe eine Vorstellung davon, wozu die leistungsfähigsten Modelle inzwischen in der Lage sind. Und man muss sich klarmachen: So schlecht wie heute werden sie nie wieder sein. Was immer man glaubt, dass KI heute leisten kann, in einem Jahr wird sie noch mehr können. Man muss nur ein wenig auf die absehbaren Entwicklungen schauen, um zu erkennen, dass wir uns eigentlich schon gestern hätten darauf einstellen müssen. Im vergangenen Jahr gab es an der Brown University einen großen Skandal um den Einsatz von KI bei Studienleistungen. Und es gibt keinen Grund, warum so etwas nicht auch an Johns Hopkins oder Harvard passieren könnte. Deshalb verspüre ich eine große Dringlichkeit, dieses Problem anzugehen.
Mounk: Erzählen Sie uns davon. Das war ein faszinierender Skandal. Erklären Sie meinen Zuhörern, was genau passiert ist.
Deming: Ein Wirtschaftsprofessor namens Roberto Serrano – möglicherweise erinnere ich mich nicht mehr an alle Einzelheiten – hatte seinen Studierenden eine Aufgabe gestellt und ihnen erlaubt, KI zu verwenden. Oder eigentlich glaube ich nicht einmal, dass er die Nutzung von KI ausdrücklich erlaubt hatte. Er hatte einfach nichts dazu gesagt. Jedenfalls bekam er anschließend Arbeiten zurück, die verdächtig gut waren. Die Studierenden lösten wirtschaftswissenschaftliche Aufgaben auf einem Niveau, das weit über dem lag, was er ihnen beigebracht hatte. Das war schon fast verdächtig. Am oberen Ende der Notenverteilung gab es im Vergleich zu früheren Jahren auffällig viele hervorragende Ergebnisse. Einige Studierende erreichten bei ziemlich schwierigen wirtschaftswissenschaftlichen Aufgaben praktisch hundert Prozent der möglichen Punkte. Also beschloss er, eine Abschlussprüfung durchzuführen, bei der die Nutzung von KI nicht erlaubt war. Dabei zeigte sich, dass viele der Studierenden, die zuvor die besten Ergebnisse erzielt hatten, in der Abschlussprüfung sehr schlecht abschnitten. Es war also eigentlich kein Betrug, sondern eher eine Frage der Einhaltung der Regeln. Vielleicht ist „Betrugsskandal“ deshalb gar nicht der richtige Begriff. Im Grunde zeigt der Fall lediglich, wie Studierende KI einsetzen, um sich eigene Anstrengungen zu ersparen.
Für mich war dabei besonders wichtig, dass die Studierenden im Voraus wussten, dass die Prüfung in Präsenz stattfinden würde und sie dabei keine KI verwenden durften. In gewisser Weise haben sie also ihren eigenen Lernprozess unterlaufen. Die Studierenden dachten: „Ich habe diese Aufgabe gut gelöst, also habe ich den Stoff wirklich verstanden.“ Das ist ähnlich wie wenn man einen Freund fragt: „Hey, was hast du bei Aufgabe sieben herausbekommen?“, und er einem die Lösung zeigt. Instinktiv hat man dann das Gefühl, die Aufgabe verstanden zu haben, weil man die richtige Antwort vor sich sieht. Aber weil man sich nicht selbst durch das Problem hindurcharbeiten musste, hat man es in Wirklichkeit nicht verstanden, oder das Verständnis ist zumindest sehr oberflächlich und brüchig. Dieser Fall hat mir gezeigt, dass wir an den Universitäten in großem Umfang Abkürzungen beim Lernen ermöglichen, wenn wir zu diesem Thema einfach schweigen. Ich fühle mich verpflichtet, das zu verhindern, denn das Studium ist für junge Menschen die Gelegenheit, denken und schreiben zu lernen. Jedes Jahr, das wir verstreichen lassen, bedeutet einen weiteren Jahrgang von Studierenden, dem dadurch geschadet wird. Das war der eigentliche Grund, warum ich die Debatte angestoßen und dabei vielleicht auch ein wenig die Rolle des Buhmanns übernommen habe. Ich halte das für wichtig. Meiner Meinung nach gehört genau das zu den Aufgaben, die jemand in meiner Position übernehmen muss.
Mounk: Ich stimme Ihnen nachdrücklich zu, dass die schlechteste Variante dieses Zustands eine Art „Frag nicht, sag nichts“-Haltung ist. Ich tue so, als könnten die Studierenden diese Aufgaben nicht mithilfe von KI erledigen, und sie tun so, als hätten sie alles selbst gemacht. Und ich überprüfe nicht wirklich, wie sie zu ihren Ergebnissen gekommen sind. Am Ende begünstigt das die am wenigsten engagierten und die schwächsten Studierenden. Wie Sie sagen, ist es inzwischen in vielen Bereichen geradezu ein verdächtig gutes Ergebnis, das darauf hindeutet, dass eine Arbeit tatsächlich von einem Studierenden stammt – und wir sprechen hier von sehr klugen, sehr begabten jungen Menschen –, weil die KI-Modelle mittlerweile so leistungsfähig sind. Wenn man weiß, dass viele Kommilitonen KI verwenden werden, muss man als ehrlicher Student einen doppelten Nachteil in Kauf nehmen. Erstens muss man die Arbeit selbst erledigen, obwohl man lieber länger schlafen oder mit Freunden ausgehen würde. Zweitens bekommt man dafür womöglich auch noch eine schlechtere Note als die anderen. Damit bringt man die Studierenden in eine unmögliche Lage. Es sollte uns nicht völlig überraschen, wenn einige von ihnen in Versuchung geraten, zu betrügen.
In einem Punkt war ich allerdings entschieden anderer Meinung als Sie. Ich weiß nicht, ob andere Ihnen darin bereits widersprochen haben. Hoffentlich kommt mein Einwand also aus einer etwas überraschenden Richtung. Grundsätzlich halte ich es für sinnvoll, wo immer möglich zu handschriftlichen Klausuren zurückzukehren. Ebenso sinnvoll ist es, KI dort zuzulassen, wo Studierende damit interessante Projekte verwirklichen können. Bei einem Projekt, das ich gerade als mögliche Aufgabe erwäge, sollen die Studierenden beispielsweise mithilfe von KI-Werkzeugen ein öffentlich zugängliches Informationsangebot zum Thema Demokratie entwickeln, etwa eine interessante Website, die entsprechende Materialien bereitstellt. Das wäre eine schöne Abwechslung zu den üblichen Aufgaben. Bei einer anderen Prüfung werden wir dagegen wieder ganz klassisch mit Stift und Papier arbeiten. Es wird aber auch weiterhin Situationen geben, in denen wir möchten, dass Studierende längere schriftliche Arbeiten ganz ohne KI verfassen.
Vielleicht gibt es Situationen, in denen man aus den unterschiedlichsten Gründen eine Zwischenprüfung als Hausarbeit durchführen möchte. Soweit ich weiß, verfügen wir inzwischen über sehr zuverlässige Programme zur Erkennung von KI-generierten Texten. Pangram ist nicht hundertprozentig zuverlässig, aber wissenschaftlichen Studien zufolge und auch nach meinen eigenen Versuchen damit ist es verdammt zuverlässig. Warum sollten wir solche Programme Ihrer Meinung nach in diesem Zusammenhang nicht einsetzen? Schränken wir damit nicht einfach unsere Möglichkeiten der Leistungsbewertung ein und verzichten auf ein wichtiges Instrument, eine wichtige Waffe in diesem Wettlauf?
Deming: Es ist nicht so, dass ich gegen ihren Einsatz wäre. Ich bin nur nicht davon überzeugt, dass sie eine dauerhaft tragfähige Lösung darstellen. Vor einem Jahr gab es Pangram noch nicht. Damals sagten alle, es sei unmöglich, KI-generierte Texte zu erkennen. Dann entwickelten Max Spero und die Leute von Pangram diesen großartigen Algorithmus, der solche Texte erkennt. Aber vor einigen Wochen soll eine KI eines der Millennium-Probleme gelöst haben. Warum sollte das nächste Modell also nicht in der Lage sein, Texte zu schreiben, die sich der Erkennung durch Pangram entziehen? Ich glaube, das ist wie der Wettlauf zwischen Alice und der Roten Königin: Angriff und Verteidigung. In einem Jahr verfügen wir möglicherweise nicht mehr über eine zuverlässige KI-Erkennung. Ich möchte die Regeln in Harvard oder anderswo nicht auf der Annahme aufbauen, dass wir KI-generierte Texte immer erkennen können. Denn das liegt nicht in unserer Hand, sondern hängt vom Verlauf dieses Wettlaufs ab. Mir erscheint das einfach als eine sehr unsichere Grundlage. Das ist meine Antwort, und sie ist eher pragmatischer Natur. Wenn ich wüsste, dass wir KI-generierte Texte grundsätzlich zuverlässig erkennen können, hätte ich kein Problem damit. Ich bin mir nur keineswegs sicher, dass das immer so bleiben wird.
Mounk: Das ist nachvollziehbar, und vielleicht reagiere ich zum Teil auch auf die Argumentation anderer in dieser Debatte. Mir scheint einfach, dass wir solche Programme einsetzen sollten, solange sie einigermaßen zuverlässig sind. Sie haben natürlich recht, dass wir nicht unsere gesamte Strategie darauf aufbauen sollten. Wenn plötzlich KI-Modelle auftauchen, die diese Erkennung umgehen können, wären wir sonst völlig aufgeschmissen, weil wir davon ausgegangen sind, dass uns die nächsten 25 Jahre eine zuverlässige KI-Erkennung zur Verfügung stehen wird. Aber ich finde, dass hier oft mit merkwürdigen Sondermaßstäben argumentiert wird, insbesondere wenn es darum geht, bestimmte Personen zu verteidigen, denen die Nutzung von KI nachgewiesen wurde, darunter auch veröffentlichte Autoren.
In Frankreich gab es kürzlich einen großen Literaturskandal um einen vielfach ausgezeichneten Romanautor, der ganz offensichtlich einen vollständigen Roman mithilfe von KI geschrieben hat. Seine jüngsten Werke werden zu hundert Prozent als KI-generiert eingestuft, während bei sämtlichen Werken vor 2023 der KI-Anteil bei null Prozent liegt. Das kann also nicht einfach an einer Besonderheit seines Schreibstils liegen. Ich halte das für einen ziemlich starken Hinweis darauf, dass er tatsächlich KI-Modelle eingesetzt hat, um seine gesamten Texte schreiben zu lassen.
Mir scheint einfach, dass wir bei der Frage, ob Studierende KI für ihre schriftlichen Arbeiten verwendet haben, einen Beweismaßstab anlegen, den wir in keinem anderen Zusammenhang anwenden. Sie können mir wahrscheinlich sagen, welchen Maßstab das, ich glaube, in Harvard heißt es Ad Board, anlegt, wenn es darum geht festzustellen, ob ein Studierender plagiiert oder eine Arbeit von einem Kommilitonen abgeschrieben hat. Soweit ich weiß, muss die Schuld dabei nicht jenseits vernünftiger Zweifel nachgewiesen werden. Und ich vermute, dass der dort geltende Beweismaßstab deutlich niedriger ist als die Beweiskraft eines sehr hohen Pangram-Werts.
Deming: Solche Dinge sind problematisch. Die Menschen sollten KI nicht dazu verwenden, ihre Texte schreiben zu lassen. Und wenn wir Pangram einsetzen können, um das zu erkennen, bin ich absolut dafür. Dagegen habe ich überhaupt nichts einzuwenden. Ich möchte nur nicht so tun, als wäre das immer eine einfache Lösung, auf die wir unsere gesamte Vorgehensweise ausrichten können. Denn wie gesagt: Vor einem Jahr hatten wir diese Möglichkeit noch nicht, und in einem Jahr haben wir sie vielleicht schon nicht mehr.
Soweit ich Pangram verstehe, funktioniert es folgendermaßen: Das Programm erkennt bestimmte Muster in Texten. Bei jedem Wort, das man schreibt, stellt sich die Frage, welches Wort als Nächstes folgt. Im Grunde funktionieren große Sprachmodelle genauso: Sie sagen das nächste Textelement voraus. Sprachmodelle verwenden Wörter und sprachliche Muster, die für Menschen nicht von anderen Texten zu unterscheiden sind, sich aber technisch erkennen lassen. Dadurch kann man feststellen, ob ein Text von KI geschrieben wurde. Was man damit jedoch nicht erkennen kann, ist, ob auch die Gedanken von der KI stammen. Ein ganz einfaches Beispiel: Auf meinem Substack habe ich einen hundert Wörter langen Text veröffentlicht, in dem ich argumentierte, warum Ohio State die beste Footballmannschaft des Landes sei. Ich ließ den Text von einer KI schreiben und überprüfte ihn mit Pangram. Das Ergebnis lautete: hundert Prozent KI-generiert. Anschließend las ich den Absatz und formulierte ihn in meinen eigenen Worten neu, wobei ich exakt dieselben Argumente verwendete. Diesmal stufte Pangram den Text zu hundert Prozent als menschlich verfasst ein. Damit wollte ich zeigen, dass man Pangram umgehen kann, indem man die KI einen Aufsatz mit allen wesentlichen Argumenten entwerfen lässt und diese anschließend einfach in eigenen Worten wiedergibt. Aber die eigentliche Denkarbeit hat man damit noch immer nicht selbst geleistet. Wenn wir sagen, dass Schreiben Denken bedeutet, dann wollen wir, dass die Menschen denken und nicht bloß schreiben. Selbst wenn Pangram also dauerhaft der Goldstandard bei der Erkennung KI-generierter Texte bleiben sollte, wird es weiterhin Menschen geben, die KI verwenden, ihre Texte anschließend immer wieder überarbeiten und durch Pangram laufen lassen, bis das Programm sie zu hundert Prozent als menschlich verfasst einstuft. Dabei haben sie nichts gelernt, außer wie man ein System bis ins kleinste Detail austrickst. Ich behaupte nicht, dass das zwangsläufig passieren wird, und ich sage auch nicht, dass wir Pangram niemals einsetzen sollten. Schließlich erhöht es den Aufwand, solche Regeln zu umgehen, und das ist durchaus positiv. Ich möchte nur nicht sagen: „Jetzt haben wir Pangram, also ist das Problem gelöst und alle können wieder so weitermachen wie bisher.“ Das hielte ich für verantwortungslos.
Mounk: Sie haben vorhin erwähnt, dass Sie eine Woche, nachdem Harvard angekündigt hatte, die Trump-Regierung zu verklagen, Dekan geworden sind. Eine der interessanten Erkenntnisse der vergangenen Jahre ist, dass wir private Universitäten für relativ unabhängig von der Bundesregierung halten. Und wir gehen davon aus, dass Universitäten mit einem riesigen Stiftungsvermögen wie Harvard relativ gut gegen finanziellen Druck geschützt sind. Doch beides hat sich als falsch erwiesen. Harvard erwirtschaftet jedes Jahr keinen besonders hohen Überschuss, und tatsächlich stammt ein großer Teil seines laufenden Budgets aus den Erträgen des Stiftungsvermögens. Hinzu kommen natürlich enorme Summen, die die Universität von der Bundesregierung erhält.
Wie erfolgreich war die Bundesregierung tatsächlich dabei, die Arbeit und die Forschung an der Harvard University einzuschränken? Gerade wenn ich außerhalb der Vereinigten Staaten unterwegs bin, begegnet mir häufig die internationale Wahrnehmung, dass sich die Forschungsbedingungen in den USA inzwischen vollständig verändert hätten. Ich habe dabei immer das Gefühl, zwischen die Fronten zu geraten. Denn natürlich halte ich diese Angriffe auf die Universitäten aus Sicht der Meinungsfreiheit und demokratischer Normen für empörend. Und auch als Professor bereiten sie mir Sorgen. Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass das Ausmaß des Schadens aus nachvollziehbaren Gründen manchmal übertrieben dargestellt wurde. Wie beurteilen Sie aus Ihrer besonderen Position, in der Sie die Auswirkungen unmittelbar beobachten können, die Fähigkeit der Universitäten, sich an diese Situation anzupassen?
Deming: Dazu würde ich zwei Dinge sagen, Yascha. Erstens besteht der größte Schaden für uns darin, wie viel Aufmerksamkeit und Geld wir darauf verwenden mussten, Angriffe auf die akademische Freiheit abzuwehren und uns gegen Untersuchungen zu verteidigen. Derzeit laufen mehr als ein Dutzend staatliche Untersuchungen gegen Harvard. All das hinterlässt Spuren. Die Einhaltung von Vorschriften, die Berichtspflichten – alles, was ich irgendwo schriftlich festhalte, könnte möglicherweise in irgendeiner Akte landen. Das alles belastet uns und lenkt von unserer eigentlichen Aufgabe ab, nämlich Forschung und Lehre.
Trotz alledem glaube ich, dass Harvard, seine Mitarbeiter und die Professorenschaft hervorragende Arbeit geleistet haben, um diese Belastungen so weit wie möglich vom Universitätsalltag fernzuhalten. Als ich die Stelle gerade angetreten hatte, hatte man das Gefühl, dass mit der Trump-Regierung jederzeit alles Mögliche passieren konnte. Die Lage änderte sich praktisch von Tag zu Tag. In gewisser Weise fühlt es sich noch immer so an. Aber wenn man jeden Tag mit einem Damoklesschwert über dem Kopf lebt, vergisst man irgendwann, dass es überhaupt da ist. Ich denke inzwischen nicht mehr besonders oft daran, und ich weiß, dass unsere Studierenden es ebenfalls nicht tun. Wenn ich in die Mensen gehe, mich zu Studierenden setze oder Sprechstunden abhalte – ich bin sehr viel auf dem Campus unterwegs –, dann drehen sich nur sehr, sehr wenige meiner Gespräche mit Studierenden um dieses Thema. Es geht um ganz normale Dinge, die Studierende beschäftigen. Sie interessieren sich für KI, für den Arbeitsmarkt und für all die Themen, die sie auch sonst beschäftigen würden.
In gewisser Weise ist das herzerwärmend, weil es eben der ganz normale Universitätsalltag ist. Die Studierenden sind sehr positiv eingestellt und engagieren sich stark in ihrer Gemeinschaft. Man hat das Gefühl, dass der Universitätsbetrieb einfach weiterläuft. Die Forschung kommt langsamer voran, die Bewilligung von Bundesmitteln dauert länger, aber die Professoren forschen weiterhin und die Studierenden sind nach wie vor da. Im Alltag fühlt sich alles erstaunlich normal an. Wie bringe ich diese beiden Dinge zusammen? Wir stehen unter enormem Druck. Die Menschen schlafen zu wenig und arbeiten härter denn je, um den Betrieb am Laufen zu halten. Es ist wie bei einer Ente, die an der Wasseroberfläche ruhig dahingleitet, während sie darunter unablässig mit den Füßen paddelt. In Harvard wirkt alles normal, aber es kostet die Menschen außerordentliche Anstrengungen, diesen Eindruck aufrechtzuerhalten. Ich weiß nicht, wie lange wir das durchhalten können. Aber ich könnte nicht stolzer auf die Menschen hier sein, auf unsere Gemeinschaft und auf das, was wir geleistet haben, um unsere Arbeit einfach fortzusetzen.
Ich behaupte nicht, dass Harvard perfekt ist, aber ich glaube tatsächlich, dass wir uns in einer sehr guten Verfassung befinden. Wenn man auf den Campus kommt, mit den Menschen spricht oder eine der vielen Veranstaltungen besucht, sieht man, dass wir Redner mit ganz unterschiedlichen Ansichten zu Gast haben. Die Studierenden hören respektvoll zu, stellen hervorragende Fragen und beteiligen sich an den Diskussionen. Im Moment herrscht hier eine ausgesprochen lebendige intellektuelle Atmosphäre. Vielleicht liegt das in gewisser Weise sogar an dem Druck, unter dem wir stehen. Ich bin ziemlich optimistisch, was unsere Arbeit angeht, sofern wir diesem Ansturm standhalten können. Druck kann schließlich auch dazu führen, dass man sich stärker auf das Wesentliche konzentriert und dadurch Verbesserungen erreicht. Deshalb glaube ich, dass dies zwar eine schwierige Zeit ist, aber hoffentlich auch eine, auf die wir eines Tages mit einem gewissen Stolz zurückblicken können.
Mounk: Ich denke sehr viel über dieses Thema nach und bin ziemlich hin- und hergerissen. Mir ist natürlich bewusst, dass zahlreiche wichtige Fördermittel mitten in laufenden Projekten gestrichen wurden und viele bedeutende Forschungsvorhaben keine Finanzierung erhalten haben. Das sind alles sehr reale Schäden. Und wie Sie betonen, wissen wir nicht, ob diese Angriffe bereits vorbei sind. Harvard wurde als Universität direkt angegriffen. Johns Hopkins war bislang nicht als Institution unmittelbar Ziel solcher Angriffe. Allerdings haben wir früher sehr viele Mittel von USAID erhalten, sodass Johns Hopkins indirekt stark betroffen war. Die Universität war sehr erfolgreich darin, staatliche Forschungsgelder einzuwerben, die nun gekürzt wurden.
Aber die Trump-Regierung könnte morgen aufgrund irgendeines Vorfalls mit einem Studierenden auf dem Campus beschließen, Johns Hopkins direkt anzugreifen. Das wäre schwierig. Harvard ist es offensichtlich gelungen, den Schaden teilweise zu begrenzen, unter anderem durch seine Klagen und die Erfolge vor Gericht. Aber wer weiß, wie die nächste Angriffswelle aussehen könnte.
Deming: Sie haben etwas Wichtiges angesprochen, als Sie sagten, dass irgendein Studierender irgendwo etwas tun könnte. Genau darin liegt die Herausforderung. Wenn man sich in einer solchen Situation befindet, in der die Universität angegriffen wird und Menschen aus teils berechtigten, teils unberechtigten Gründen wütend auf Harvard sind, achten alle sehr genau darauf, was hier passieren könnte. Ein einziger Fehltritt reicht aus, und plötzlich wird die Universität als ein Ort dargestellt, an dem solche Dinge ständig geschehen. Dabei würde man, wenn man über den Campus spazierte, ohne zu wissen, dass es sich um Harvard handelt, anhand der ganz normalen Begegnungen überhaupt nicht merken, dass diese Universität gerade eine so schwierige Zeit durchmacht. Es braucht nur ein oder zwei Vorfälle, und plötzlich steht alles in den Nachrichten. Das ist es, was alle so nervös macht. Ich bin sicher, dass Sie etwas Ähnliches erlebt haben.
Mounk: Nun, ich glaube, Johns Hopkins hatte unter anderem das Glück, eine Universität zu sein, die vergleichsweise wenig öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zieht. Gemessen daran, wie hervorragend und wie selektiv die Universität ist, steht sie erstaunlich wenig im Rampenlicht. Sie gehört nicht zur Ivy League, hat keine besonders erfolgreichen Sportmannschaften und spielt im öffentlichen Leben der USA einfach eine weniger prominente Rolle. Ich glaube tatsächlich, dass das einer der Gründe ist, warum die Regierung Johns Hopkins bislang nicht direkt angegriffen hat. Aber es genügt, dass irgendein Vorfall die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Universität lenkt, etwa ein dummer Zwischenfall auf dem Campus, und plötzlich könnte jemand im Weißen Haus oder im Bildungsministerium sagen: Jetzt nehmen wir uns die vor.
Aber worauf ich eigentlich hinauswill, ist die bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit amerikanischer Institutionen. Ich betrachte Harvard dabei gewissermaßen als ein Beispiel für eine größere Entwicklung. Vor achtzehn Monaten herrschte der Eindruck, dass die Trump-Regierung ihr Amt angetreten hatte und unglaublich effektiv vorging, dass sie einen ganz anderen Plan verfolgte als noch vor acht Jahren, genau wusste, was sie tat und eine Durchführungsverordnung nach der anderen erließ. Es schien, als würden sich die Vereinigten Staaten in den kommenden vier Jahren grundlegend verändern. Wenn wir jetzt im Herbst 2026 miteinander sprechen, fühlt es sich einfach nicht mehr so an. Mir scheint, als habe die Regierung eine Menge Dinge ausprobiert, von denen sich nicht besonders viele durchgesetzt haben. Inzwischen ist sie auf Manöver wie die Umbenennung des Ontariosees in „Lake America“ und Ähnliches zurückgeworfen.
Meine Frage lautet also: Bin ich hier zu optimistisch? Von außen betrachtet habe ich den Eindruck, dass Harvard sich als bemerkenswert widerstandsfähig erwiesen hat. Sicherlich war das nur dank der enormen Anstrengungen vieler Menschen möglich, dank der Großzügigkeit von Spendern, die eingesprungen sind, um einige der finanziellen Lücken zu schließen, und dank vieler anderer Maßnahmen. Aber könnte es sein, dass diese Zeit in einer Geschichte Harvards, die in hundert Jahren geschrieben wird, zwar ein sehr interessantes Kapitel oder eine interessante Fußnote abgeben wird, jedoch nicht als grundlegender Einschnitt in das Wesen der Institution in Erinnerung bleiben wird?
Deming: Ich hoffe, dass das stimmt. Und ich bin zuversichtlich, dass ich Ihnen darin zustimmen werde. Aber ich glaube, dass die Sache noch nicht vorbei ist. Ein Teil des Problems besteht meiner Meinung nach darin, dass die Menschen Institutionen wie Harvard und Johns Hopkins und die Elitehochschulbildung insgesamt gerne kritisieren. Dabei gehört das, was wir an solchen Einrichtungen leisten, zu den großen Exporterfolgen Amerikas und zu den Dingen, auf die das Land besonders stolz sein kann. Je mehr Aufmerksamkeit Harvard bekommt, desto mehr Menschen schauen genauer hin. Natürlich sagen einige: „Harvard ist nicht perfekt, und mich ärgert, wie elitär diese Universität ist“, oder etwas Ähnliches. Aber gleichzeitig kommt aus Harvard auch sehr viel hervorragende Krebsforschung, und die Universität hat viele bedeutende Führungspersönlichkeiten hervorgebracht. Abgesehen von den Militärakademien hat keine andere Universität mehr Menschen hervorgebracht, die ihr Leben in den Dienst des Landes gestellt haben, als Harvard. Viele Menschen aus beiden politischen Lagern, die selbst für politische Ämter kandidiert haben, betrachten Harvard vielleicht nicht öffentlich, aber doch im Privaten als einen Ort, an dem künftige Führungspersönlichkeiten für die Gesellschaft ausgebildet werden, und zwar auf beiden Seiten des politischen Spektrums.
Ich glaube, Präsident Garber hat sehr viel unternommen. Er ist häufig nach Washington gereist, hat mit vielen Menschen gesprochen und sich öffentlich engagiert. Gleichzeitig haben wir selbst viel dafür getan, Dinge zu verbessern, die tatsächlich verbesserungsbedürftig waren. Deshalb glaube ich, dass viele Menschen Harvard als eine großartige amerikanische Institution betrachten, auf die Amerika auch international stolz sein kann. Wenn sie erkennen, dass dies tatsächlich eine Einrichtung ist, auf die wir in vielerlei Hinsicht stolz sein können und die sich offenbar ernsthaft darum bemüht, besser zu werden, dann verändert das ihre Wahrnehmung. Natürlich wird es immer Menschen geben, die man niemals überzeugen kann. Aber ich glaube, die Öffentlichkeit sieht durchaus, dass manche Kritikpunkte berechtigt sind und andere nicht. So würde ich Ihre Beobachtung einordnen: Die öffentliche Meinung ist eine sehr viel mächtigere Kraft als jede Regierung oder einzelne Person. Es gibt Grenzen dafür, wie heftig man eine Institution angreifen kann, von der viele Menschen im Grunde, vielleicht auch nur im Stillen, überzeugt sind, dass sie trotz all ihrer Schwächen etwas Gutes in der Welt bewirkt. Deshalb glaube ich nicht, dass es dabei in erster Linie um uns selbst geht. Vielmehr sind wir kein so leichtes Angriffsziel, wie es anfangs vielleicht schien, weil aus Harvard sehr viel Gutes hervorgeht, auch wenn wir, wie gesagt, keineswegs perfekt sind.
Dieses Transkript wurde mit Hilfe von KI übersetzt und von Niya Krasteva redigiert.


