John Harpham über die ideengeschichtlichen Ursprünge der amerikanischen Sklaverei
Yascha Mounk und John Harpham untersuchen, wie frühneuzeitliche Denker die Sklaverei rechtfertigten, lange bevor sich moderne Vorstellungen von Rasse durchsetzten.
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John Samuel Harpham ist Assistenzprofessor am Institut für Klassische Philologie und Literaturwissenschaft sowie Wick Cary Assistenzprofessor am Institute for the American Constitutional Heritage der University of Oklahoma. Er ist Autor des Buches The Intellectual Origins of American Slavery.
In dieser Woche sprechen Yascha Mounk und John Harpham darüber, warum die gängige, auf Rasse fokussierte Erklärung der Ursprünge der Sklaverei die frühesten Rechtfertigungen dieser Praxis verfehlt, wie aristotelische und römische Vorstellungen von Freiheit und Sklaverei die geistige Welt der ersten englischen Kolonisten prägten und was diese Geschichte für unser heutiges Verständnis der Sklaverei bedeutet.
Das Transkript wurde gekürzt und zur besseren Verständlichkeit leicht bearbeitet.
Yascha Mounk: Sie haben ein ausgesprochen interessantes Buch geschrieben, das auf Ihrer Doktorarbeit basiert, die Sie im selben Department geschrieben haben, in dem ich einige Jahre vor Ihnen promoviert habe. Wir kannten uns flüchtig aus der Graduiertenschule, obwohl einige Jahre zwischen uns lagen. Ihr Buch behandelt die Geschichte der Sklaverei in den Vereinigten Staaten und die historischen Rechtfertigungen der Sklaverei. Die meisten Menschen, die sich mit diesem Thema beschäftigen, gehen vermutlich davon aus, dass die Geschichte relativ einfach ist: Weiße Kolonisten betrachteten sich selbst in einer wichtigen Hinsicht als weiß und verfügten über ein System rassischer Einordnung, das zwar noch nicht vollständig modern war, unserem heutigen Verständnis aber in wesentlichen Punkten ähnelte. Sie gingen davon aus, dass die schwarzen Menschen in Afrika gewissermaßen einer minderwertigen Rasse angehörten und dass ihre Versklavung deshalb gerechtfertigt sei. Was stimmt an dieser gängigen Erzählung nicht?
John Harpham: In gewisser Weise ist diese gängige Erzählung sehr überzeugend und in vieler Hinsicht auch zutreffend. Sie erklärt bestimmte Aspekte und bestimmte Phasen der Geschichte der Sklaverei, insbesondere der amerikanischen Sklaverei, sehr gut. Zugleich handelt es sich aber um eine spezifisch amerikanische Erzählung über die Geschichte der Sklaverei. Viele ihrer Bezugspunkte und historischen Belege stammen aus dem 19. Jahrhundert – also aus jener Epoche, an die Amerikaner in der Regel denken, wenn sie sich mit der Geschichte der Sklaverei beschäftigen. Weniger geeignet ist sie jedoch, das zu erklären, worum es in meinem Buch geht: die Ursprünge der amerikanischen Sklaverei.
Die Grundannahme des Buches lautet, dass wir, wenn wir die Ursprünge der amerikanischen Sklaverei verstehen wollen, zeitlich weiter zurückgehen und einen größeren geografischen Raum in den Blick nehmen müssen, als Amerikaner es gewöhnlich tun, wenn sie über die Geschichte der Sklaverei nachdenken. Man muss sich in einen anderen Zusammenhang begeben. Genau das habe ich mit meinem Buch versucht. Ich glaube, dass wir durch diese Erweiterung – sowohl des zeitlichen Rahmens als auch des geografischen Horizonts – in eine andere Geschichte eintauchen: eine Geschichte mit anderen Voraussetzungen, anderen ideologischen Bezugspunkten, anderen klassischen Vorbildern, anderen Vorstellungen von Sklaverei und letztlich auch anderen Vorstellungen dessen, was wir heute als Rasse bezeichnen würden. Diesen neuen Zusammenhang wollte ich weit stärker untersuchen, als es meines Erachtens bislang geschehen ist.
Mounk: Ich vermute, dass zwei Elemente dieser gängigen Erzählung etwas schief erscheinen, sobald man in der Geschichte der Rechtfertigungen der Sklaverei weiter zurückgeht und sich nicht mehr darauf konzentriert, was Sklavenhalter während der Debatten über die Abschaffung der Sklaverei sagten, um ihre Fortsetzung zu rechtfertigen, sondern darauf, was die Menschen zu jener Zeit dachten, sagten und schrieben, als die amerikanische Institution der Sklaverei entstand. Zum einen gab es zwar irgendwann eine Vorstellung von Rasse – eine pseudowissenschaftliche Rassentheorie, die sich im 19. und später im 20. Jahrhundert entwickelte –, doch eine solche existierte im 17. Jahrhundert noch nicht in derselben Form. Zum anderen – und ich vermute, dass Sie damit auch den geografischen Fokus meinen – stellt sich aus heutiger Sicht die Frage, wie ein Land, das von sich behauptet, auf Freiheit zu gründen und den Idealen der Selbstbestimmung verpflichtet zu sein, eine so offenkundige und tyrannische Institution wie die Sklaverei dulden konnte. Geht man jedoch zu den Anfängen dieser Praxis in den Vereinigten Staaten zurück, dann war Sklaverei in gewisser Weise auf der ganzen Welt etwas Normales. In vielen Teilen der Welt existierten Formen ausdrücklicher Sklaverei oder feudaler Leibeigenschaft und ähnliche Systeme, die sich zwar in wichtigen Punkten unterschieden, sich aber dennoch auf einem Kontinuum mit der Sklaverei bewegten. Sind das die beiden Aspekte, die Sie hier im Sinn haben?
Harpham: Zunächst einmal ist es wichtig zu sagen, dass dies ein außerordentlich komplexes Forschungsfeld ist. Es betrifft nicht nur die Geschichte der amerikanischen Sklaverei – vielmehr hat es erhebliche Bedeutung für das Verständnis des Wesens, des Charakters und der Entwicklung der amerikanischen Republik. Die Geschichte der Ursprünge der amerikanischen Sklaverei wurde stets als ein Thema verstanden, das weitreichende Folgen für die Gegenwart hat. Zugleich reicht diese Geschichte zurück zu weniger bekannten Strömungen der frühneuzeitlichen Ideengeschichte sowie zur Geschichte der atlantischen Welt, Europas, Afrikas und auch Asiens. Sie zwingt uns, unser Verständnis der Geschichte der Sklaverei auf Bereiche auszudehnen, die vielen Amerikanern heute – und selbst zahlreichen amerikanischen Historikern sowie Historikern der amerikanischen Sklaverei – wenig vertraut sind. Es handelt sich um ein sehr komplexes Forschungsfeld, das meines Erachtens mit der Sorgfalt und Ernsthaftigkeit behandelt werden muss, die es verdient.
Ich möchte außerdem sagen, dass ich meine bisherige wissenschaftliche Laufbahn dem Schreiben dieses Buches gewidmet habe – insgesamt zehn Jahre der Forschung und Arbeit an diesem Manuskript. Meine Überzeugung, mich mit der Geschichte der Sklaverei zu beschäftigen, entspringt jedoch, glaube ich, einem Ausgangspunkt, der vielen Amerikanern heute vertraut ist: Ich wurde in New Orleans geboren und bin dort aufgewachsen, dem Zentrum des inneramerikanischen Sklavenhandels in der Zeit vor dem Bürgerkrieg. Bis ich für mein Promotionsstudium nach Harvard kam und Sie sowie unsere anderen Kollegen kennenlernte, Yascha, hatte ich niemals außerhalb des amerikanischen Südens gelebt. Das ist ein Teil der Welt und des Landes, in dem man der offensichtlichen Tatsache kaum entgehen kann, dass die Vergangenheit die Gegenwart prägt und dass wir zum Teil in einer Nation leben, die durch die Sklaverei geschaffen wurde. Und dennoch wird diese Geschichte der Sklaverei in der Politischen Theorie – darüber können wir noch sprechen – häufig nicht als zentral angesehen. Die Politische Theorie hat sich überwiegend als ein Fach entwickelt, das sich für Vorstellungen von Freiheit und deren Konsequenzen interessiert.
Vor dem Hintergrund meiner eigenen Herkunft wollte ich herausfinden, ob sich die Instrumente der Politischen Theorie – ihre anspruchsvollen Werkzeuge und Methoden – auf die Erforschung der Geschichte der Sklaverei anwenden lassen, also auf ein Thema, das lange Zeit nicht als zentral für die Politische Theorie galt. Eine der zentralen Einsichten der Politischen Theorie betrifft offensichtlich den zweiten Punkt, den Sie angesprochen haben – nicht den ersten über Rasse, auf den wir noch zurückkommen können, sondern den zweiten über Freiheit. In der frühen Neuzeit lautete der grundlegende Lehrsatz des politischen Denkens, dass alle Menschen von Natur aus frei sind. Daraus folgt jedoch zugleich, dass die natürliche Freiheit aller Menschen die Versklavung einiger von ihnen, obwohl sie frei geboren wurden, nicht ausschließt. Tatsächlich entsteht Sklaverei – insbesondere im Rahmen der Naturrechtslehre – gerade durch die Mechanismen, mit denen Freiheit definiert wird. Das ist eines der wirklich ungewöhnlichen Merkmale der frühen Neuzeit und ihres politischen Denkens und bildet den geistigen Hintergrund für die Entstehung der amerikanischen Sklaverei.
Mounk: Um wirklich zu verstehen, worin die Rechtfertigung der Sklaverei in ihren Anfängen bestand, müssen wir zunächst einen wichtigen Umweg gehen und uns ansehen, wie die frühen Kolonisten über Fragen wie Freiheit nachgedacht hätten. Sie sagen, dass diese Freiheitsvorstellungen in gewisser Weise neben der Rechtfertigung der Sklaverei existierten und ihr möglicherweise sogar den Boden bereiteten. Diese Rechtfertigung der Sklaverei war zunächst keine rassische. Sie beruhte nicht auf der Vorstellung, weiße Menschen würden frei geboren, während schwarze Menschen nicht zur Selbstregierung fähig seien und deshalb Sklaven sein sollten oder Ähnliches. Vielmehr wurzelte sie zum einen in einer aristotelischen Tradition, die eine bestimmte Begründung für die Sklaverei entwickelte, und zum anderen in einer römischen Tradition, die eine etwas anders gelagerte Rechtfertigung bot. Erzählen Sie uns etwas darüber, auf welche antiken Denker sich die Kolonisten des 17. Jahrhunderts stützten, wenn sie über eine Frage wie die Sklaverei nachdachten.
Harpham: In der Geschichte der amerikanischen Sklaverei blieb mehr als genug Zeit, damit sich rassifizierte Vorstellungen von Freiheit und Sklaverei entwickeln konnten. Mein Buch ist als erster von drei Bänden einer Reihe angelegt, und ich beabsichtige, diese Entwicklung bis ins 18. und 19. Jahrhundert hinein sehr genau nachzuzeichnen. Dieses erste Buch konzentriert sich jedoch auf den Zeitraum von 1550 bis 1700 – auf den weiten atlantischen Kontext rund um das Jahr 1619, das vielen Amerikanern heute als das Jahr bekannt ist, in dem die ersten versklavten Afrikaner in den englisch-amerikanischen Kolonien eintrafen. Für den Zeitraum von 1550 bis 1700, also grob die Epoche der frühen Neuzeit in der Geschichte des politischen Denkens, lassen sich im Wesentlichen zwei Vorstellungen von Sklaverei und vom Verhältnis zwischen Freiheit und Sklaverei unterscheiden, die weithin bekannt und allgemein verbreitet waren.
Die erste geht auf Aristoteles’ Politik zurück. Ihr zufolge zieht die Natur selbst eine Unterscheidung innerhalb der menschlichen Gattung. Aristoteles schreibt, dass sich innerhalb jedes zusammengesetzten Ganzen die einzelnen Teile in einer hierarchischen Ordnung anordnen. Nach seiner Auffassung gilt dies auch für die Menschheit selbst: Manche Menschen seien von Natur aus dazu bestimmt, Sklaven zu sein, andere hingegen dazu, ihre Herren zu sein. Beide Gruppen stehen in einer engen Beziehung zueinander. Die Ungleichheit, die die Sklaverei dem menschlichen Leben einschreibt, ist daher nach Aristoteles bereits in der Natur der Menschen selbst angelegt.
Die zweite Vorstellung von Sklaverei, die zweite große Denktradition, unterscheidet sich grundlegend davon. Sie stützt sich nicht auf Aristoteles’ Politik, sondern auf das Corpus Iuris, die maßgeblichen Texte des römischen Rechts. Das römische Recht geht von einem nahezu entgegengesetzten Ausgangspunkt aus. Es unterscheidet mehrere Rechtsquellen, von denen die ursprüngliche das Naturrecht ist. Nach dem Naturrecht sind Freiheit und Gleichheit der Normalzustand. Alle Menschen sind von Natur aus frei und in diesem Sinne einander gleich. Sklaverei entsteht erst im Laufe der Zeit – als Folge von Zufall und Unglück, nicht aufgrund unterschiedlicher menschlicher Naturen. Meist ist sie das Ergebnis von Kriegen zwischen Staaten: Wer im Krieg gefangen genommen wird, erhält den Status eines Sklaven als Alternative zum Tod. Mit anderen Worten: Nach der römischen Auffassung ist Freiheit der Normalfall für die gesamte Menschheit, und grundsätzlich kann jeder Mensch versklavt werden.
Sowohl die aristotelische als auch die römische Vorstellung waren in der frühen Neuzeit – der entscheidenden Epoche für die Entstehung der amerikanischen Sklaverei – allgemein bekannt. Im Laufe dieser Zeit wurde die aristotelische Auffassung jedoch zunehmend verworfen, insbesondere in der englischen Kultur. Die römische Vorstellung hingegen wurde übernommen, weiterentwickelt und bildete schließlich die Grundlage jener Ideen über Sklaverei, die zu der Zeit vorherrschten, als die amerikanische Sklaverei entstand.
Mounk: Die aristotelische Auffassung kennt zwar die Idee einer natürlichen Sklaverei – dass manche Menschen von Natur aus zum Sklavendasein bestimmt seien –, doch beruht sie nicht auf der Vorstellung, dass Menschen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten ethnischen oder rassischen Gruppe von Natur aus Sklaven seien. Die Begründung kann vielmehr auf persönlichen Eigenschaften beruhen oder darauf, dass jemand nicht in Freiheit aufgewachsen ist und deshalb die Tugenden der Freiheit nicht entwickeln konnte. Die römische Auffassung betont dagegen stärker Zufall und Umstände: Wer unter bestimmten Bedingungen als Kriegsgefangener in Gefangenschaft gerät, dessen Versklavung gilt als gerechtfertigt. Nichts hat ihn von vornherein zu diesem Schicksal bestimmt; sie ergibt sich vielmehr daraus, dass er beispielsweise eine bestimmte Schlacht verloren hat. Sie sagen nun, dass gerade diese Vorstellung im Denken der Kolonisten des 16. und 17. Jahrhunderts besonders lebendig war. Wie wenden sie diese Idee auf den entstehenden transatlantischen Sklavenhandel an? Wie übertragen sie Vorstellungen, die im Kontext des antiken Athen, der römischen Republik und vielleicht auch des frühen Römischen Reiches entwickelt wurden, auf eine Situation, die doch völlig anders erscheint? Wenn ich an die Römer denke, geht es häufig um die Punischen Kriege oder um den Krieg gegen Karthago. In diesen militärischen Auseinandersetzungen nehmen sie Gefangene und sagen: Das rechtfertigt, dass diese Gefangenen zu Sklaven werden. Das wirkt doch ganz anders als die Situation in Nordamerika, wo man beginnt, mit Schiffen nach Westafrika zu fahren, dort Einheimische dafür zu bezahlen, Menschen gefangen zu nehmen, sie zu fesseln, unter entsetzlichen Bedingungen über den Atlantik zu transportieren und zu verkaufen. Das scheint keine vergleichbare Situation zu sein.
Harpham: Wir können uns etwas Zeit nehmen, das auseinanderzunehmen, denn wie ich bereits sagte, handelt es sich um sehr komplexe Fragen. Wir müssen nicht nur Veränderungen im Zeitverlauf berücksichtigen, sondern auch die Unterschiede zwischen den verschiedenen Regionen der atlantischen Welt. Sie haben völlig zu Recht darauf hingewiesen, Yascha, dass die Institution der amerikanischen Sklaverei auf den ersten Blick nicht wirklich zu einer der auf dem römischen Modell beruhenden Vorstellungen von Sklaverei passt. Die Idee und die Institution wirken so grundverschieden, dass es kaum vorstellbar erscheint, wie die eine der anderen als Rechtfertigung gedient haben könnte – wie also die amerikanische Sklaverei und ihre Ursprünge aus einer Welt hervorgehen konnten, die so stark von römischen Vorstellungen geprägt war.
Wie gesagt, handelt es sich um komplizierte Fragen. Um die Ursprünge der amerikanischen Sklaverei zu verstehen, müssen wir zunächst über die Grenzen der heutigen Vereinigten Staaten hinausgehen, ja sogar über die Grenzen Nordamerikas und selbst der Karibik, und uns über den Atlantik zurückbewegen – nicht in die Neue Welt, sondern in die Alte. Wir müssen den komplexen Prozess verstehen, durch den die amerikanische Sklaverei – eine radikal neue Institution, eine neue Form menschlichen Übels, die sich in vielerlei Hinsicht von allen antiken Vorbildern der Sklaverei unterschied – aus der Alten Welt hervorging: aus alten Vorstellungen von Sklaverei und aus Gesellschaften, die sich selbst als in Traditionen der Sklaverei verwurzelt verstanden, die bis in die klassische Antike zurückreichten. Das ist das Vorhaben meines Buches. Es ist keine geradlinige Geschichte. Sie verläuft nicht nur in eine Richtung, und in vielerlei Hinsicht ist sie, glaube ich, für diejenigen von uns überraschend, die mit der Geschichte der amerikanischen Sklaverei vertraut sind.
Zwei Punkte als Antwort auf Ihre Frage. Erstens muss man sich klarmachen, dass das aristotelische Verständnis der Sklaverei selbst in der antiken Welt ungewöhnlich war. Aristoteles formulierte seine Vorstellung von der natürlichen Sklaverei im Gegensatz zu den damals vorherrschenden Auffassungen, die mehr oder weniger den späteren römischen Vorstellungen von Sklaverei entsprachen. Danach entstand Sklaverei meist nicht aus der Natur, sondern aus Konvention – insbesondere aus der Konvention, dass im Krieg gefangen genommene Menschen versklavt wurden. Diese Konvention war kein lokaler Brauch. Sie wurde nicht nur für kurze Zeit in kleinen Winkeln der Welt praktiziert.
Als die Sklaverei Eingang in das römische Recht fand, geschah dies nicht über das Naturrecht, das Freiheit und Gleichheit als Grundregel menschlicher Beziehungen festlegte. Sie fand vielmehr über eine eigene Rechtsquelle Eingang, die als Völkerrecht bezeichnet wurde. Was bedeutete das Völkerrecht im römischen Recht? Man verstand darunter eine Sammlung von Bräuchen, die allen Völkern der Welt gemeinsam waren – nicht nur den Römern, sondern auch ihren imperialen Rivalen und ebenso den alten Israeliten. Die im Völkerrecht beschriebenen Bräuche der Sklaverei entsprechen zumindest teilweise den Regeln zur Sklaverei, die in der Hebräischen Bibel niedergelegt sind. Die Sklaverei galt nach dem Völkerrecht nicht deshalb als legitim, weil sie für den versklavten Menschen gerecht oder gut gewesen wäre, sondern weil sie zu den weltweit verbreiteten Bräuchen gehörte.
Selbst in der frühen Neuzeit waren die englischen Kolonisten und ihre Unterstützer im Mutterland zwar nicht der Ansicht, im Erbe des alten Römischen Reiches zu leben. Sie glaubten aber sehr wohl, dass das im römischen Recht am besten beschriebene und festgehaltene Völkerrecht die allgemeinen Bräuche der Welt weiterhin angemessen zusammenfasste – einschließlich der Sklaverei.
Mounk: Inwiefern war das von Anfang an eine Fiktion? In welchem Maße systematisierte dieses Völkerrecht etwas, das tatsächlich existierte? Und in welchem Maße handelte es sich dabei schon immer um eine Vorstellung der Römer?
Harpham: Mein wissenschaftliches Hauptinteresse gilt natürlich Vorstellungen und Begriffen. Ich kann aber sagen, dass in der frühen Neuzeit in weiten Teilen der atlantischen Welt das im Völkerrecht verankerte Verständnis von Sklaverei – meist als ein Status, der im Krieg gefangen genommenen Menschen als Alternative zum Tod auferlegt wurde – weiterhin der üblichen Praxis der meisten Völker der Welt entsprach. In genau diesem Zeitraum, von 1550 bis 1700, wurde den Engländern sehr deutlich bewusst, dass die Sklaverei und insbesondere ihre spätere Nachfolgeform, die Hörigkeit, innerhalb der Grenzen ihres Reiches verschwunden waren. Sie glaubten, ihr Land bilde eine Ausnahme von den allgemeinen Bräuchen der Welt, vor allem im Hinblick auf die Sklaverei. Im 16. und 17. Jahrhundert versklavten Europäer einander nicht, selbst wenn sie im Krieg Gefangene machten. Sie töteten einander und sie folterten einander. Manche Beobachter, etwa Alberico Gentili, meinten, Kriege zwischen europäischen Staaten wären weniger brutal, wenn die Sklaverei zwischen ihnen als Brauch fortbestanden hätte. Doch in der frühen Neuzeit hatten die europäischen Nationen beschlossen, einander auch dann nicht zu versklaven, wenn sie im Krieg gefangen genommen wurden. Wir können über die Ursprünge und Folgen dieses kulturellen Konsenses sprechen. Doch in der großen Mehrheit der Länder der Welt – und das wird in allen damaligen Weltbeschreibungen und Atlanten sehr deutlich festgehalten – bestand die Sklaverei als ein Status, der Kriegsgefangenen auferlegt wurde, bis weit in die frühe Neuzeit fort. Daran besteht kein Zweifel.
Mounk: In gewisser Weise betrachteten sich die Europäer zu diesem Zeitpunkt also als Ausnahme, weil die Sklaverei in ihren Gesellschaften keine große Rolle spielte – zumindest insofern, als sie einander nicht versklavten. Was dachten die amerikanischen Kolonisten darüber? Ich nehme an, dass sie sich zu jener Zeit als Engländer verstanden. Sie identifizierten sich in hohem Maße mit dem geistigen Erbe der Alten Welt. Wie konnten sie sich auf die allgemeine englische Gedankenwelt des 16. und 17. Jahrhunderts stützen und zugleich sagen, dass unter ihren besonderen Bedingungen in der Neuen Welt die Sklaverei im Umgang mit Menschen vom afrikanischen Kontinent irgendwie gerechtfertigt, natürlich oder was auch immer der von ihnen verwendete Begriff gewesen sein mag?
Harpham: Wie die Forschung der vergangenen zwanzig Jahre sehr detailliert gezeigt hat, war die Versklavung der indigenen Bevölkerung für die frühen englischen Kolonien – und insbesondere für die frühen englischen Kolonien in Nordamerika – ebenso bedeutsam wie die Versklavung von Afrikanern. Wir können darüber sprechen, wie diese Geschichten zusammengehören. Meines Erachtens sind sie Teile einer einzigen komplexen Geschichte.
Ich möchte den kulturellen Konsens des frühneuzeitlichen Europas noch genauer beschreiben. Die Europäer glaubten, sich darauf verständigt zu haben, einander niemals zu versklaven, selbst wenn sie im Krieg gefangen genommen wurden. Sie formulierten diesen Konsens jedoch nicht geografisch, also in Bezug auf den europäischen Kontinent, sondern über ihre Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft: der Christenheit. Sie glaubten, sich darauf geeinigt zu haben, die Sklaverei niemals gegen andere Menschen innerhalb der Grenzen der Christenheit anzuwenden. Für die Kriegsführung und für den Umgang mit Kriegsgefangenen wurden Gefangene aus Kriegen innerhalb der Christenheit so behandelt, wie Gefangene in Bürgerkriegen schon immer behandelt worden waren. Und Gefangene in Bürgerkriegen waren trotz der offensichtlichen und allgemein bekannten Brutalität solcher Kriege niemals versklavt worden. Außerhalb der Grenzen der Christenheit blieben die im Völkerrecht verankerten Bräuche der Sklaverei dagegen in Kraft. Das bedeutet, dass die Europäer glaubten, Menschen von außerhalb der Christenheit könnten rechtmäßig versklavt werden und sie selbst dürften sie rechtmäßig versklaven – allerdings nur dann, wenn die römischen Voraussetzungen erfüllt waren.
In der frühen Neuzeit war zu diesen römischen Bräuchen, also zur römischen Beschreibung der allgemeinen Bräuche der Welt, eine einzige Ausnahme hinzugekommen: das Gebiet innerhalb der Grenzen der Christenheit. Im Rest der Welt blieb das Völkerrecht in Kraft. In den amerikanischen Kolonien bildete dies die ideologische Grundlage der Vorstellungen von Sklaverei. Englische Bedienstete und Bedienstete von den Britischen Inseln wurden in den frühen britischen Kolonien bekanntermaßen auf entsetzliche Weise behandelt. Sie arbeiteten Seite an Seite mit versklavten Afrikanern und versklavten Angehörigen der indigenen Bevölkerung, und häufig hieß es, ihre alltägliche Behandlung unterscheide sich kaum voneinander. Dennoch blieb die Unterscheidung zwischen der Dienstbarkeit von Menschen von den Britischen Inseln und der Versklavung indigener und afrikanischer Menschen bestehen. Sie stützte sich auf den älteren kulturellen Konsens, dass Christen einander nicht versklaven würden.
Mounk: Das war eine wichtige Grenze, die einschränkte, wer auf diese Weise versklavt werden durfte. Doch worin bestand dann die Rechtfertigung dafür, dass dies im Umgang mit indigenen Menschen oder mit Afrikanern, die man jenseits des Meeres gezielt aufsuchte, als legitime Praxis galt? Und welche Grenzen setzte das dem Umgang mit Menschen, die zum Christentum übertraten? Auf den ersten Blick könnte man schließlich annehmen: Wenn Christen nicht versklavt werden dürfen, dann müsste ein versklavter Mensch seinem Zustand entkommen können, indem er zum Christentum konvertiert. Offensichtlich entwickelte sich die Institution der Sklaverei als Eigentumsverhältnis in den Vereinigten Staaten jedoch nicht auf diese Weise.
Harpham: Ja, selbstverständlich. Das ist ein sehr wichtiger Teil der Geschichte, denn viele Debatten in den frühen englischen Kolonien im atlantischen Raum drehten sich weniger um die Sklaverei als solche als vielmehr um die Folgen einer Konversion. Zum Hintergrund: Die wichtigsten englisch-amerikanischen Kolonien vor 1700 waren nicht die nordamerikanischen Kolonien – weder Massachusetts noch Virginia und nicht einmal Carolina. Die Entwicklung von Sklaverei und Dienstbarkeit, also die parallele Entwicklung beider Institutionen in diesen Kolonien, ist von Historikern ausführlich und bis ins kleinste Detail untersucht worden. Die klassischen Darstellungen der Ursprünge der amerikanischen Sklaverei beschäftigen sich meist mit Virginia und beschreiben, wie sich die Sklaverei dort im Laufe des 17. Jahrhunderts entwickelte. In jüngerer Zeit wurde auch Massachusetts stärker untersucht, ebenso Carolina. Doch in dieser frühen Phase der Entstehung des englischen Atlantikreichs war die bevölkerungsreichste und wohlhabendste Kolonie der englischen Atlantikwelt nicht Virginia, sondern Barbados. Und bald darauf, in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, rückte Jamaika in den Vordergrund. Dabei handelte es sich um Zuckerkolonien und nicht um Kolonien, deren Wirtschaft auf anderen wichtigen Exportpflanzen wie Tabak oder Baumwolle beruhte.
Wie gesagt, waren die Debatten über die Sklaverei in diesen englisch-amerikanischen Kolonien meist Debatten über die Konversion. Sie gingen aus den Überzeugungen hervor, die wir gerade beschrieben haben: Wenn man davon ausging, dass die Christenheit eine Ausnahme von den allgemeinen Bräuchen der Welt bildete und Christen einander selbst dann nicht versklavten, wenn sie im Krieg gefangen genommen wurden, was geschah dann mit versklavten Menschen, die zu Christus bekehrt und in die christliche Gemeinschaft aufgenommen wurden? Viele Unterstützer der englischen Kolonien im Mutterland, darunter auch die Krone – dies war stets die Haltung der Krone –, hielten die Bekehrung der in den Kolonien versklavten Menschen für ein außerordentlich wichtiges Vorhaben.
Mounk: Man wollte die Menschen bekehren, weil man sich religiös verpflichtet fühlte, die frohe Botschaft von Jesus zu verbreiten und ihre Seelen zu retten. Doch daraus ergab sich ein erhebliches praktisches Problem: Man förderte plötzlich die Konversion jener Menschen, auf deren Versklavung die wirtschaftliche Produktion von Zucker und anderen Nutzpflanzen beruhte. Wenn die Erfüllung dieser religiösen Pflicht bedeutete, dass man dadurch die eigene Arbeitskraftbasis verringerte, hatte man ein Problem.
Harpham: Genau. Und nicht nur irgendein Problem, sondern eines mit potenziell explosiven Folgen. Denn wenn versklavte Menschen in den amerikanischen Kolonien zu Christus bekehrt wurden und anschließend nicht länger als Sklaven gehalten werden durften, dann konnte man nicht mehr behaupten, die Grenze zwischen Sklaverei und Freiheit entspreche der Grenze zwischen Christen und Heiden oder zwischen der christlichen Welt und der Welt außerhalb der Christenheit. Die Grenze zwischen Sklaverei und Freiheit musste dann in anderen Begriffen gezogen werden.
Mit all dem perversen Einfallsreichtum, der einen großen Teil der Entwicklung des englischen Atlantikreichs prägte, erklärten die frühen englischen Kolonisten – insbesondere auf Barbados und Jamaika und in gewissem Maße auch in Virginia –, dass infolge des Erfolgs der Bekehrung die Grenze zwischen Sklaven und Freien nicht mehr zwischen Christen und anderen verlief, sondern zwischen Schwarzen und Weißen. Aus diesen Entwicklungen und Debatten, die tief in dieser ganz besonderen frühneuzeitlichen Welt verwurzelt waren, entstand erstmals die Vorstellung der Engländer und der englischen Kolonisten, den Unterschied zwischen Sklaven und Freien als Unterschied zwischen Schwarzen und Weißen zu formulieren.
Mounk: Wie nahe sind wir hier bereits an einer rassischen Rechtfertigung der Sklaverei? So wie ich es verstehe, lautet der Ausgangspunkt: Unter welchen Bedingungen darf man einen Menschen versklaven? Das ist Bestandteil des Völkerrechts. Es war schon immer so und galt nicht als besonders bemerkenswert. Einen Christen zu versklaven, wäre jedoch offensichtlich vollkommen unzulässig. Nun hat man verschiedene Menschen versklavt, von denen einige inzwischen zum Christentum übergetreten sind. Wie kann man rechtfertigen, sie weiterhin als Sklaven zu halten und im Fall der Sklaverei als Eigentumsverhältnis auch Menschen zu versklaven, die bereits als Christen geboren werden, also die Kinder dieser versklavten Menschen? Lautet die Antwort einfach: Ja, aber sie sind schwarz? Ist es wirklich so geradlinig? Verwandelt sich das an diesem Punkt schlicht in eine offene rassische Rechtfertigung der Sklaverei, oder ist es komplizierter?
Harpham: Wir haben es nicht nur mit Veränderungen im Laufe der Zeit zu tun, sondern müssen auch räumliche Unterschiede berücksichtigen. Wenn wir uns zunächst auf die englisch-amerikanischen Kolonien konzentrieren, dann waren die Kolonisten und Plantagenbesitzer bekanntlich nicht an der Bekehrung interessiert. Das gilt insbesondere für Barbados und Jamaika. Die Krone und die englischen Behörden im Mutterland waren stets von der Bedeutung der Bekehrung überzeugt, doch die Plantagenbesitzer selbst waren bekanntermaßen an überhaupt keinen Ideen interessiert. Wie ein Beobachter sagte, hatten sie den Mammon zu ihrem Gott gemacht, zur einzigen Gottheit auf der Insel Barbados.
Zwischen den Debatten über Sklaverei im Mutterland und in den Kolonien entstanden Unterschiede, doch konzentrieren wir uns zunächst auf die Kolonien. Sie fragen, wie nahe wir bereits an einer paradigmatischen rassischen Rechtfertigung der Sklaverei sind. Ich glaube, die Antwort lautet: Zu diesem Zeitpunkt sind wir ihr schon sehr nahe. Genau an diesen Punkt gelange ich gegen Ende meines Buches, in den letzten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts. Im Zuge der Debatten darüber, wo die Grenzen der Sklaverei zwischen Sklaven und Freien gezogen werden sollten, rückte der Unterschied zwischen Schwarz und Weiß als Trennlinie in den Mittelpunkt. Einige der frühen Kolonisten begannen zu erkennen, dass die Grenzen der Sklaverei selbst zu einer Rechtfertigung der Versklavung gemacht werden konnten. Es galt nun nicht mehr nur, dass der Unterschied zwischen Sklaven und Freien dem Unterschied zwischen Schwarzen und Weißen entsprach. Man konnte darüber hinaus behaupten, dass schwarze Menschen ihrem Wesen nach zur Sklaverei bestimmt seien, während Weiße niemals selbst versklavt werden könnten und Freiheit ihr angemessener Zustand sei.
Doch noch immer handelte es sich um Debatten und um eine Reihe entsetzlicher Einsichten, die in kleinen Winkeln der atlantischen Welt entstanden, in abgelegenen, meist insularen Gemeinschaften wie Barbados und Jamaika. Dort begannen einige Plantagenbesitzer zu begreifen, welche Vorstellungen sie entwickeln mussten, um nicht nur die Entstehung der Sklaverei als Institution zu verteidigen und zu rechtfertigen, sondern auch ihr dauerhaftes Fortbestehen auf rassischer Grundlage.
Mounk: In gewisser Weise ist das offensichtlich genau der Punkt, der uns heute an dieser Institution insgesamt so erschüttert – und zugleich setzt die Antwort bereits voraus, was sie eigentlich erklären soll. Was ist es an der Tatsache, dass dieser Mensch, der Kolonist, weiß ist und jener Mensch, der Versklavte, schwarz, das diese Herrschaft rechtfertigt? Im Laufe der Zeit wurden unterschiedliche Erklärungen für rassische Überlegenheit und Unterlegenheit entwickelt. Eine verbreitete Behauptung lautet, dass Angehörige einer weißen Rasse zu vernünftiger Selbstregierung fähig seien, während andere ethnische oder rassische Gruppen dazu nicht in der Lage seien. Welche Rechtfertigung hätte einer dieser Plantagenbesitzer auf Barbados vorgebracht, wenn wir in die Vergangenheit reisen und ihn fragen könnten: Gut, Sie hatten diese Rechtfertigung, die zwischen Christen und Nichtchristen unterschied und auf einer Reihe religiöser Gründe beruhte. Nun sagen Sie plötzlich, darum gehe es überhaupt nicht mehr, sondern darum, dass Sie weiß sind und die Menschen, die Sie versklaven, schwarz. Was ist es daran, dass Sie weiß und sie schwarz sind, das diese Herrschaft rechtfertigt?
Harpham: Ja, und wie gesagt, handelt es sich dabei um komplexe und sehr nuancierte Fragen. In meinem Buch geht es nicht so sehr darum – ich versuche es jedenfalls so zu formulieren –, dass es die eine Vorstellung gab und eine andere nicht, dass die eine vorherrschte und die andere überhaupt nicht existierte. Es geht vielmehr um die Gewichtung, darum, wie man die relative Bedeutung von Vorstellungen bestimmt, die miteinander konkurrierten, nebeneinander existierten und Teil eines komplexen Raums von Diskussionen und Debatten waren, der sich im Laufe der Zeit, von Autor zu Autor und von Ort zu Ort unterschied.
Als diese kleine Zahl amerikanischer Kolonisten in abgelegenen Inselgemeinschaften innerhalb eines radikal neuen Plantagensystems tätig wurde und Neuerungen entwickelte – eines Systems, das innerhalb kurzer Zeit, sehr rasch und auf Grundlage neuer Entdeckungen und Innovationen beim Zuckeranbau entstand –, begannen sie neue Vorstellungen zu formulieren, die die neuartigen Institutionen rechtfertigen sollten, die sie gerade entwickelten. Dabei griffen sie auf ältere Ideen zurück, die schon immer vorhanden gewesen waren, im Diskurs über Sklaverei jedoch meist nur eine untergeordnete Rolle gespielt hatten. Eine davon war die aristotelische Lehre, die von den Kolonisten, den Plantagenbesitzern und ihren Verteidigern nun wieder aufgegriffen wurde: dass die Natur selbst zwischen Sklaven und Freien unterscheide, dass die Völker Afrikas ihrem Wesen nach Sklaven seien und dass weiße Menschen oder die Engländer ihrem Wesen nach frei seien. Sie griffen außerdem eine weitere antike Rechtfertigung für Versklavung und Hierarchie auf, die nicht aus der Welt der klassischen Philosophie stammte, sondern aus dem Text der Hebräischen Bibel und unter dem Namen Fluch Hams bekannt geworden war. Einige der frühen Kolonisten und ihre Unterstützer begannen zu behaupten, die heutigen Völker Afrikas seien Nachkommen desjenigen, über dessen Sohn Kanaan im Buch Genesis einst dieser Fluch ausgesprochen worden war.
Mounk: Für unsere Zuhörer, die mit der Bibel nicht besonders vertraut sind: Erinnern Sie uns noch einmal daran, was der Fluch Hams ist.
Harpham: Ich habe eine Debatte über Sklaverei dargestellt, die in der klassischen Welt zwischen Aristoteles und dem römischen Recht geführt wurde. Doch in der frühen Neuzeit gab es noch eine weitere Gruppe von Vorstellungen über Sklaverei, die aus der antiken Welt stammten – nicht aus den Texten der klassischen Philosophie, sondern aus der Bibel, insbesondere aus der Hebräischen Bibel. Die erste Erwähnung der Sklaverei in der Hebräischen Bibel findet sich im Buch Genesis, nach der Sintflut, nachdem Noah einen Weinberg angelegt hat und betrunken in seinem Zelt liegt, weil er vom Wein getrunken hat. Einer von Noahs Söhnen, Ham, betritt das Zelt und sieht seinen Vater nackt. Als Noah erwachte, wusste er dem Text zufolge, was Ham getan hatte, und sprach einen Fluch über ihn aus: „Ein Knecht der Knechte sei er seinen Brüdern“, Sem und Jafet. In der frühen Neuzeit wurde dies häufig als Fluch der Sklaverei verstanden, wonach Ham und seine Nachkommen zur Sklaverei verflucht worden seien. Es handelt sich um die erste Erwähnung der Sklaverei in der Bibel, weil auch im Text der Hebräischen Bibel – ähnlich wie im römischen Recht – Freiheit der ursprüngliche Zustand der Menschheit ist. Am Anfang, im Garten Eden, ist Freiheit die Regel, wie auch im römischen Recht, und Sklaverei entsteht erst später. In der Bibel entsteht sie jedoch nicht als Folge einer Gefangennahme im Krieg, sondern als Strafe für eine Verfehlung.
Mounk: Das sind also verschiedene Arten, allmählich zu sagen: In der Bibel gibt es diesen Fluch, und die Menschen, die wir versklaven wollen, sind nun zufälligerweise – wie praktisch – die Nachkommen desjenigen, über den dieser Fluch ausgesprochen wurde. Wie soll ich es formulieren? Welche Belege gibt es dafür? Ist es lediglich eine frei schwebende Behauptung? Soll Ham oder seinen Nachkommen irgendeine Eigenschaft zugeschrieben werden, die man in der Welt beobachten und bei diesen Menschen wiedererkennen kann? Wie viel Substanz steckt in dieser Vorstellung, abgesehen von einem Verweis, den man so aufgreifen kann, dass er für jemanden logisch nützlich erscheint, der sich als Christ verstehen und zugleich Sklaverei betreiben möchte?
Harpham: Nun, Ham und seine Nachkommen wurden natürlich stets mit Sünde in Verbindung gebracht. Sie wurden mit der Verletzung der richtigen Ordnung assoziiert. Sünde wurde immer mit Sklaverei in Verbindung gebracht. Einer der großen Historiker der Sklaverei und des Antisklavereigedankens, David Brion Davis, hat darauf hingewiesen, dass Vorstellungen von Sklaverei in der christlichen Tradition stets eng mit Vorstellungen von Sünde verbunden waren. Sklaverei war in gewisser Weise die Folge der Sünde, denn wie so viele andere Merkmale der modernen Welt war auch sie ein Produkt des Sündenfalls. Im Garten Eden war Freiheit die Regel. Um die Entstehung der Sklaverei zu erklären, musste man daher zum ursprünglichen Akt des Sündenfalls zurückgehen, aus dem alle Formen von Hierarchie und Unterordnung sowie Arbeit und Eigentum hervorgingen. Ham wurde also mit Sünde assoziiert und Sünde wiederum mit Sklaverei.
Gleichzeitig wurden Sie und ich, Yascha, gewissermaßen beide von Vertretern der sogenannten Cambridge School der Ideengeschichte ausgebildet oder zumindest stark von ihnen geprägt. Im Verlauf meines Buches vollziehe ich einen Schritt, der den Vertretern der Cambridge School wohlvertraut ist, Historikern der amerikanischen Sklaverei jedoch vermutlich weniger. Es handelt sich um einen klassischen Ansatz der Ideengeschichte: Um die Geschichte einer Idee zu verstehen, sollte man zunächst den Kontext, in dem diese Idee verstanden wurde, möglichst genau rekonstruieren und versuchen zu begreifen, welche Frage sie zu beantworten schien. Man rekonstruiert also zunächst die Fragen, die sich um eine Idee herum stellten, und versucht dann zu verstehen, welche Antwort diese Idee darauf zu geben schien. Vertreter der Cambridge School haben dies ausführlich für Freiheitsvorstellungen getan. Ich versuche, dasselbe für Vorstellungen von Sklaverei zu leisten.
In der frühen Neuzeit war der Fluch Hams sowohl in der englischen Kultur als auch in Europa allgemein bekannt und jederzeit verfügbar. Doch er diente als Antwort auf ganz unterschiedliche Fragen – meist gerade nicht auf die Frage, wie sich die zeitgenössische Sklaverei rechtfertigen ließ. Vor allem im englischen Diskurs tauchte der Fluch Hams meist im Zusammenhang mit einer anderen, verwandten Frage auf, nämlich der nach dem Ursprung schwarzer Hautfarbe. Die Engländer gingen damals selbstverständlich davon aus, dass Weiß die natürliche oder ursprüngliche Hautfarbe der Menschheit sei, dass die Menschen ursprünglich so weiß gewesen seien wie sie selbst und dass schwarze Hautfarbe bei vielen Völkern der Welt eine angeborene und dauerhafte Eigenschaft sei. Um diesen Unterschied zu erklären, wurden verschiedene Antworten angeboten. Eine davon – eine bekannte, aber fast immer zurückgewiesene und berüchtigte Erklärung – stammte von George Best, einem Autor des Jahres 1578. Best behauptete, die schwarze Hautfarbe der Völker südlich der Sahara gehe auf den ursprünglichen Fluch der Bibel zurück. Der Fluch wurde dabei nicht mit der Sklaverei, sondern mit der schwarzen Hautfarbe verbunden und erschien als mögliche Antwort auf das Problem, das die Engländer im Phänomen der schwarzen Hautfarbe sahen.
Das war eine verhängnisvolle Entwicklung. Schon früh in den englisch-amerikanischen Kolonien griffen die Kolonisten, als sie die Versklavung schwarzer Menschen und die Freiheit weißer Menschen wie ihrer selbst rechtfertigen wollten, auf eben diesen Fluch zurück, der zuvor meist mit schwarzer Hautfarbe in Verbindung gebracht worden war, und machten ihn nun zu einer Erklärung für die Versklavung.
Mounk: Das ist interessant. Man erkennt daran, dass diese Vorstellungen einerseits sehr verschieden von modernen Rassekonzepten sind, andererseits aber auf merkwürdige Weise ähnliche Funktionen erfüllen können. Moderner Rassismus könnte etwa behaupten, zwischen verschiedenen Menschengruppen gebe es genetische Unterschiede, diese Gruppe sei in dieser oder jener Hinsicht überlegen, jene Gruppe in dieser oder jener Hinsicht unterlegen, und daraus ergebe sich das Recht der überlegenen Gruppe, Mitglieder der unterlegenen Gruppe auf bestimmte Weise zu behandeln. Hier begegnet uns dagegen eine Art halb rassische, halb theologische Rechtfertigung. Sie lautet ungefähr: Es gibt eine Gruppe von Menschen, die unter einem Fluch steht, weil sie und ihre Nachkommen in irgendeiner Weise sündig sind, und die schwarze Hautfarbe ist lediglich das sichtbare Zeichen dieses Fluchs. In gewisser Weise ist sie also nur ein Begleitphänomen. Sie mag ein nützliches Merkmal sein, um die Angehörigen dieser Gruppe zu erkennen, doch weder verursacht die schwarze Hautfarbe die Sündhaftigkeit noch rechtfertigt sie unmittelbar die Versklavung. Sie ist lediglich das Kennzeichen der Zugehörigkeit zu einer Gruppe, der diese Eigenschaften zugeschrieben werden.
Harpham: Gleichzeitig hegten die Engländer in dieser Zeit keinerlei Zweifel daran, dass ihre eigene weiße Hautfarbe ein besonderes Privileg sei und dass schwarze Hautfarbe Hässlichkeit und Minderwertigkeit kennzeichne. Mehr noch: In ihren Augen war Schwarz häufig geradezu das Gegenteil von Schönheit, während Weiß als höchster Maßstab von Schönheit galt. Schon in dieser frühen Zeit wurde die schwarze Hautfarbe zu einem Merkmal, an das ganz unterschiedliche Vorstellungen, gesellschaftliche Stellungen und Praktiken geknüpft wurden. Sie wurde nicht nur als Zeichen eines uralten Fluchs verstanden, sondern zugleich in der Gegenwart als sichtbares Merkmal genutzt, um zwischen Sklaven und Freien zu unterscheiden.
All dies diente dem Ziel der englischen Kolonisten im Zusammenhang mit den Ursprüngen der amerikanischen Sklaverei: Sie wollten erklären, warum eine ganze Gruppe von Menschen, die weit entfernt, Tausende Kilometer entfernt, unter Umständen versklavt worden war, nach denen niemand fragen wollte und die möglicherweise längst zurücklagen, niemals frei werden konnte. Entscheidend war für sie, die Dauerhaftigkeit und Vererbbarkeit der Sklaverei zu begründen. Deshalb verankerten sie ihre Vorstellungen von Sklaverei in dem, was Sie eben als rassische Vorstellung beschrieben haben – einer Sklaverei, die in den dauerhaften und vererbbaren Eigenschaften einer ganzen Gruppe von Menschen, einer Rasse, begründet sei. Diese Vorstellung von Sklaverei entstand jedoch erst in den englischen Kolonien. In Afrika hingegen, also an den Ursprungsorten der Sklaverei im atlantischen Raum, unterschieden sich die Vorstellungen, mit denen Sklaverei beschrieben und gerechtfertigt wurde, erheblich. Damit haben wir nun den Ideenkreis skizziert, der mit den Ursprüngen der Sklaverei als Institution in den amerikanischen Kolonien verbunden war. Doch wie wir von Anfang an gesagt haben, besteht ein wesentlicher Teil meines Buches darin, die ältere Ideenwelt zu beschreiben, aus der diese Vorstellungen hervorgingen.
Mounk: Ich weiß, dass Sie an einem dreibändigen Opus arbeiten und noch zwei Bände vor sich haben. Geben Sie uns doch einen kleinen Ausblick darauf, wie sich diese Ideen im weiteren Verlauf verändern und weiterentwickeln. Wie griffen die Menschen im amerikanischen Süden, die sich der Abschaffung der Sklaverei widersetzten, auf die Vorstellungen zurück, über die wir gesprochen haben, und wie wandelten sie diese – davon gehe ich aus –, um die Sklaverei zu verteidigen? Und wie groß ist die Kontinuität zwischen diesen Vorstellungen und jener Form rassischen Denkens, die manche Menschen bis heute vertreten?
Harpham: Der Wandel im Laufe der Zeit ist für die Geschichte der amerikanischen Sklaverei von zentraler Bedeutung. Historiker haben das seit Langem erkannt. Dennoch fällt es schwer, sich immer wieder vor Augen zu halten, dass auch die Geschichte der Sklaverei – wie jede andere menschliche Institution – tiefgreifenden Veränderungen über Raum und Zeit hinweg unterlag. Ziel dieses Buches ist es, die Ursprünge zu beschreiben, insbesondere die Debatten über die Entstehung der Sklaverei, die auf den Vorbildern des römischen Rechts beruhten und zur Erklärung der Ursprünge des Sklavenhandels in Afrika herangezogen wurden. Mit den Ursprüngen der Sklaverei sind jene dramatischen, verhängnisvollen Prozesse gemeint, durch die von Natur aus freie Menschen zu Sklaven wurden.
Bereits zur Zeit der Entstehung der Sklaverei in den frühen englischen Kolonien stellte sich jedoch eine andere Frage: Warum sollte eine ganze Gruppe versklavter Menschen niemals frei werden können? Es ging nun um die Fortdauer der Sklaverei im Laufe der Zeit. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde schließlich die Existenz der amerikanischen Sklaverei selbst zum zentralen Bezugspunkt aller Debatten. Viele der Auseinandersetzungen über die amerikanische Sklaverei, die uns heute vertraut sind – von Jefferson bis zur Abschaffung der Sklaverei –, handelten nicht mehr von ihren Ursprüngen oder ihrem Wesen. Sie setzten vielmehr die Existenz dieser gewaltigen Institution voraus und drehten sich um die Frage, ob ihre radikale Abschaffung möglich sei oder ob ein bereits tief verwurzeltes System überhaupt noch beseitigt werden könne. Im Laufe der Zeit verschob sich der Schwerpunkt der Debatten also von der Sklaverei selbst und ihren Ursprüngen hin zu ihrem Ende, zur Abschaffung der Sklaverei. Das ist die große Erzählung, die ich in den beiden folgenden Bänden dieser Reihe nachzeichnen möchte – bis zur Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1865.
Mounk: Das ist sehr hilfreich. Lassen Sie mich für einen Moment die Gegenposition einnehmen. Ich versuche, mich in einen Zuhörer hineinzuversetzen, der sich – anders als wir beide – weder mit Politischer Theorie noch mit Ideengeschichte beschäftigt hat und deshalb vielleicht weniger von der Bedeutung dieser Ideen überzeugt ist. Er oder sie könnte etwa Folgendes sagen: Sie beschreiben hier Gesellschaften mit sehr starken wirtschaftlichen Interessen. Wer mit Zucker auf Barbados oder mit Baumwolle im amerikanischen Süden Gewinne erzielen will, ist auf möglichst billige und verlässliche Arbeitskräfte angewiesen. Das sind ausgesprochen arbeitsintensive Produktionsweisen. Letztlich regierte hier einfach der Mammon. Ideen spielten keine entscheidende Rolle. Die Menschen wählten schlicht jene Wirtschaftsordnung, die den größten Gewinn versprach. Sie versklavten andere aus reinem Eigeninteresse, um dauerhaft über billige Arbeitskräfte zu verfügen und ihnen jeden berechtigten Ertrag ihrer Arbeit zu nehmen. Natürlich entwickelten sie im Nachhinein Rechtfertigungen dafür. Solange es genügte, Nichtchristen zu versklaven, erklärten sie, alles drehe sich um den Unterschied zwischen Christen und Nichtchristen. Als dann einige der Versklavten zum Christentum übertraten und diese Begründung nicht mehr funktionierte, suchte man eben nach der nächstbesten Erklärung und machte den offensichtlichen Unterschied zum Maßstab: Die Versklaver waren weiß, die Versklavten schwarz. Dafür erfand man anschließend eine passende Rechtfertigung. Wer die politische Ökonomie des Zucker- oder Baumwollhandels untersucht, wird doch neunzig bis fünfundneunzig Prozent dessen erklären können, worüber wir heute gesprochen haben. All diese komplexen Ideen und feinsinnigen Rekonstruktionen zeigen letztlich nur, wie Menschen sich selbst beruhigten, um nachts schlafen zu können, obwohl sie an schrecklichen Praktiken beteiligt waren. Im Grunde genommen sind diese Ideen nebensächlich. Vielleicht erklären sie die letzten drei oder vier Prozent. Warum richten Sie den Blick also auf diese Ideen und nicht auf die materiellen, politischen und wirtschaftlichen Interessen, die ihnen zugrunde lagen?
Harpham: Nun führen wir eine sehr grundsätzliche Debatte – eine, die nicht nur die konkrete Geschichte betrifft, die wir hier erzählen, sondern auch mehrere benachbarte Forschungsfelder. Viele von uns, nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Bürger der Republik in ihrem alltäglichen Leben, interessieren sich für die Frage, in welchem Maße unser Handeln aus unseren Ideen, Werten und Überzeugungen hervorgeht oder in welchem Maße es durch unsere Stellung innerhalb einer bestimmten Produktionsweise bestimmt wird. Wir sprechen also über das Verhältnis zwischen Ideen und Interessen.
Über die Ursprünge der amerikanischen Sklaverei wird seit Langem gestritten. Seit die Sklaverei Mitte der 1940er-Jahre ins Zentrum der amerikanischen Geschichtswissenschaft rückte, gab es stets eine Debatte darüber, wie die amerikanische Sklaverei begann. Dabei existierte immer eine einflussreiche materialistische Erklärung jener Art, die Sie gerade vorgetragen haben: Am Ursprung der amerikanischen Sklaverei hätten nicht Ideen gestanden, sondern Produktionsweisen und Berechnungen über Profitraten. Gleichzeitig wurde ebenso lange eine parallele Debatte über die Abschaffung der Sklaverei geführt – also nicht über ihre Ursprünge, sondern über ihr formelles Ende. Viele Wissenschaftler behaupteten über Jahrzehnte, die eigentliche Ursache der Abschaffung seien nicht die Vorstellungen in den Köpfen der Menschen gewesen, nicht Überzeugungen von der Ungerechtigkeit der Sklaverei oder der Gerechtigkeit ihrer Abschaffung, sondern schlicht Veränderungen der Produktionsweise. Freie Arbeit wurde profitabler als Sklavenarbeit, und in diesem Moment erkannten die Menschen plötzlich, dass sie auch moralischer sei. Die Konzentration auf freie Arbeit lenkte zugleich von möglichen Missständen sowie von unsichtbaren Hierarchien der Herrschaft und Ausbeutung ab, die innerhalb der freien Arbeit selbst entstehen konnten.
Doch in den vergangenen Jahrzehnten, eigentlich seit den 1960er-Jahren, sind Wissenschaftler zu dem Konsens gelangt, dass Ideen die Abschaffungsbewegung tatsächlich antrieben – religiöse, politische, wissenschaftliche und gesellschaftliche Ideen. Sie prägten ihren Alltag. Ich habe versucht, hinsichtlich der Ursprünge der amerikanischen Sklaverei eine ähnliche Position zu vertreten, obwohl das in gewisser Weise sehr viel schwieriger ist. Ich würde jedoch eine sehr einfache Beobachtung anführen: Die Ideen, aus denen die amerikanische Sklaverei, der Sklavenhandel und die Entwicklung der amerikanischen Sklaverei zunächst Unterstützung bezogen, waren bereits fest verankert, bevor sich der Sklavenhandel entwickelte und bevor auf Barbados und Jamaika Sklavenkolonien gegründet wurden. Zur Verteidigung dieser Entwicklungen wurde am häufigsten vorgebracht, dass die neuen Praktiken der Sklaverei zu sehr viel älteren Modellen und Vorlagen passten, die in der englischen Kultur bereits bekannt und fest etabliert waren. Mit anderen Worten: Die neuen Praktiken fügten sich in die alten Ideen ein.
Wissenschaftler, die jene wirtschaftliche Erklärung entwickelt haben, die Sie gerade skizziert haben, konzentrierten sich auf den Unterschied zwischen Sklaverei und der Arbeit von Vertragsbediensteten, insbesondere auf die Tatsache, dass die Profitraten bei Sklavenarbeit offenbar höher waren als bei der Arbeit von Bediensteten. Ich möchte die Frage jedoch auf einer tieferen und umfassenderen Ebene stellen und dabei nahezu jedes Element der wirtschaftlichen Argumentation als gegeben annehmen. Ich möchte fragen, woher die Menschen in der frühen Neuzeit wussten, was Sklaverei und was Dienstbarkeit waren, und warum sie glaubten, dass es sich dabei um menschliche Rechtsstellungen handelte, über die engstirnige wirtschaftliche Akteure Berechnungen anstellen konnten – denn wir glauben das nicht. Wir glauben nicht, dass Sklaverei etwas ist, über das ein wirtschaftlicher Akteur eine Kalkulation anstellen darf, selbst wenn sie profitabel wäre, weil wir sie für falsch halten. Mir scheint, dass der kulturelle Konsens darüber, was überhaupt möglich ist, menschliches Handeln prägt und in bestimmte Bahnen lenkt, selbst wenn wir – wie ich es tue – davon ausgehen, dass die eigentlichen Motive oder Ursachen für die Entstehung der amerikanischen Sklaverei materieller und wirtschaftlicher Natur waren. Ich möchte den Blick also weiter fassen und unser Verständnis der Bedingungen erweitern, innerhalb deren diese wirtschaftlichen Kalkulationen vorgenommen wurden.
Mounk: Eine Möglichkeit, zwischen diesen beiden Hypothesen darüber zu unterscheiden, was diese Institution geprägt und angetrieben hat – wobei uns die Antwort natürlich gefällt, dass sowohl materielle Interessen als auch Vorstellungen darüber, was angemessen ist, eine Rolle spielten –, besteht darin, nach konkreten Praktiken zu suchen, die im Eigeninteresse der Kolonisten gelegen hätten, denen sie aber dennoch nicht nachgingen. Es gibt viele Bereiche der Welt, in denen ein Akteur offenbar ein materielles Interesse daran hat, etwas Bestimmtes zu tun, es aber dennoch unterlässt, weil Ideen einschränken, was er als legitime Handlungsweise betrachtet, oder weil Ideen ihn darüber täuschen, was tatsächlich in seinem Interesse liegt. Dadurch entstehen Verhaltensweisen, die sich mit einem einfachen wirtschaftlichen Modell nicht erklären lassen. Ich glaube, ein großer Teil der Debatte darüber, ob letztlich Ideen oder materielle Bedingungen die Welt antreiben, dreht sich darum, wie groß dieser Spielraum ist. Niemand glaubt vernünftigerweise, dass Ideen alles erklären – wirtschaftliche Interessen treiben offensichtlich sehr viel menschliches Verhalten an. Eine Geschichte der Sklaverei, die nicht wesentlich davon handelt, dass Sklavenhalter materielle Vorteile aus ihr ziehen und den Versklavten ein großer Teil dessen genommen wird, was ihnen andernfalls aus ihrer Arbeit zugutekäme, würde einen entscheidenden Teil der Geschichte verfehlen. Aber prägen Ideen nicht zugleich, wer in diese Lage gebracht wird, wie diese Menschen behandelt werden und welche konkrete Form diese Institution in der Praxis annimmt? Können Sie ein oder zwei Beispiele aus dem von Ihrem Buch behandelten Zeitraum nennen, bei denen das Verhalten von Sklavenhaltern vom unmittelbaren materiellen Eigeninteresse abweicht, weil ihr Handeln in gewisser Weise durch die Ideen eingeschränkt wird, mit denen sie es rechtfertigen?
Harpham: Das ist eine ausgezeichnete Frage und eine gute Möglichkeit, das genaue Verhältnis zwischen Ideen und Interessen zu beschreiben, nachdem wir geklärt haben, dass uns genau diese Beziehung interessiert. Einerseits ist es wichtig, nicht von einem einzigen Modell dafür auszugehen, wie Ideen mit wirtschaftlichen Interessen oder politischen Institutionen zusammenwirken. So habe ich Ihnen beispielsweise weiter oben in diesem Gespräch im Grunde eine materialistische Erklärung für die Entstehung des amerikanischen Rassismus gegeben: Er entstand als Ideologie der amerikanischen Sklaverei und prägte anschließend nicht nur die Institution der Sklaverei, sondern sämtliche Institutionen des amerikanischen Lebens. Rasse entwickelte, wie selbst jeder materialistische Historiker einräumen würde, eine Eigendynamik. Die umfassende und vielgestaltige Rassenhierarchie, die in Amerika nicht nur während der Sklaverei, sondern auch nach deren Ende entstand, ist ein vollkommenes Beispiel für die verhängnisvolle Macht von Ideen.
Ein weiteres Beispiel: Wie der Historiker David Eltis bereits vor langer Zeit feststellte, wäre es den europäischen Nationen möglich gewesen – und möglicherweise sogar profitabler –, für die Arbeit in ihren Imperien in der Neuen Welt Menschen aus den Grenzen der Christenheit zu versklaven, sie also nicht als Bedienstete, sondern als Sklaven zu halten. Dennoch taten sie es nicht. Auch dies ist ein Beispiel dafür, wie Vorstellungen darüber, wer versklavt werden darf und wer nicht und welche Kalkulationen zulässig sind und welche nicht, die Praxis der Sklaverei prägten.
Ein drittes und letztes Beispiel: Der von mir untersuchte Zeitraum von 1550 bis 1700 wird in der afrikanischen Geschichtswissenschaft als vorkoloniale Epoche bezeichnet, also als jene Zeit, in der das Machtgleichgewicht an der westafrikanischen Küste bei den dortigen afrikanischen Staaten und nicht bei europäischen Händlern lag. Die europäischen Mächte hatten entlang der Küste zwar Forts und Festungen errichtet, doch deren Geschütze und Kanonen waren auf das Meer gerichtet und nicht ins afrikanische Landesinnere. Überwiegend bestimmten die örtlichen afrikanischen Staaten die Bedingungen des Handels, und jeder Versuch, Menschen durch Überfälle zu verschleppen, wurde rasch vergolten. Der Sklavenhandel an der westafrikanischen Küste entwickelte sich durch reguläre Handelsbeziehungen zwischen lokalen afrikanischen politischen Einheiten – meist als Königreiche, Reiche und Fürstentümer bezeichnet – und ihren europäischen Handelspartnern. Seit dem späten 15. Jahrhundert war die gewaltsame Verschleppung von Menschen an der westafrikanischen Küste stark eingeschränkt, und das Machtgleichgewicht führte dazu, dass örtliche afrikanische Händler den europäischen Kaufleuten meist Menschen verkauften, die in Kriegen gefangen genommen worden waren. Dieses Modell entsprach den alten römischen Bräuchen des Völkerrechts.
So sehr die atlantische Welt und die Ursprünge der amerikanischen Sklaverei beinahe den Höhepunkt menschlicher Habgier, des Profitstrebens und der Bereitschaft darstellen, für Gewinn nahezu alles zu tun, war diese Welt zugleich durch implizite und mitunter ausdrücklich formulierte Vorstellungen über Moral, Bräuche, Normen und Religionen strukturiert – durch alte Ideen darüber, was getan werden durfte und was nicht.
Dieses Transkript wurde mit Hilfe von KI übersetzt und von Niya Krasteva redigiert.


