Mein Tag als Geschworener
Was ein zutiefst gewöhnlicher Tag an einem zutiefst gewöhnlichen Gericht mich über die amerikanische Demokratie lehrte.
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Vor einigen Monaten erhielt ich einen amtlichen Brief des Distrikts Columbia, auf dessen Umschlag in großen, einschüchternden Lettern JURY SUMMONS – Ladung als Geschworener – gedruckt stand.
Ich bin seit 2017 amerikanischer Staatsbürger. Bisher war ich aber noch nie dazu aufgerufen worden, diese besondere Bürgerpflicht zu erfüllen. Der historische Zweck des Rechts auf ein Verfahren vor einem Geschworenengericht war es sicherzustellen, dass eine außer Kontrolle geratene Exekutive niemals das Strafrechtssystem als Instrument zur Ausweitung ihrer eigenen Macht missbrauchen kann. Zu einer Zeit, in der das Justizministerium, geschmückt mit einem riesigen Banner von Donald Trumps Gesicht, eine Reihe seiner Kritiker unter fadenscheinigen Vorwänden zu verfolgen sucht, wirkt die Relevanz dieser Tradition alles andere als abstrakt.
Also schlurfte ich an einem Mittwochmorgen im Februar pflichtbewusst um neun Uhr zum Superior Court des Distrikts Columbia. Es war der erste milde Tag nach ein paar brutalen Winterwochen. Während die Sonne hoch an den Himmel stieg, begannen die Schneehaufen zu schmelzen, die noch immer die Straßen der Stadt säumten. In der Ferne konnte ich die Kuppel des Kongresses erkennen.
Es war schwer zu wissen, was mich erwarten würde. Als Politikwissenschaftler kenne ich alle möglichen Fakten über das Geschworenensystem, habe aber noch nie eine Jury im Einsatz gesehen. Würde ich als Geschworener in irgendeinem kleineren Zivilverfahren oder einem spektakulären Mordprozess fungieren? Und würden sie mich überhaupt haben wollen? Sowohl Staatsanwaltschaft als auch Verteidigung können eine Reihe potenzieller Geschworener einfach deshalb aus dem Pool streichen, weil sie das Gefühl haben, diese könnten ihrem Fall nicht wohlgesinnt sein – und Professoren, von der Anklage verdächtigt, allzu progressiv, und von der Verteidigung, allzu besserwisserisch zu sein, gehören oft zu den ersten, die rausfliegen.
Am Eingang des Gerichtsgebäudes reihte ich mich in die erste von vielen Schlangen ein, in denen ich an diesem Tag stehen würde. Während ich eine Sicherheitskontrolle im Flughafenstil durchlief, entdeckte ich ein abgenutztes Schild, das darauf hinwies, dass das Tragen von Masken nicht mehr obligatorisch sei, und ein anderes, das die Besucher des Gerichts ermahnte, keine Gang-Symbole zu tragen oder ihre Unterwäsche zu zeigen.
Drinnen angekommen, begab ich mich in den vierten Stock und erblickte zum ersten Mal meine Mitbürger: eine lange Schlange von Menschen, die darauf warteten, ihre Identität zu belegen und ihre Geschworenenkarten zu erhalten. Es hat etwas Seltsames, einen statistischen Durchschnitt leibhaftig vor sich zu sehen. Mir wurde klar, dass ich in meinem Leben unzählige Umfragen betrachtet und zahlreiche Fokusgruppen miterlebt hatte. Aber niemals zuvor war ich tatsächlich Teil dieser statistischen Abstraktion gewesen: einer Gruppe durchschnittlicher Amerikaner.
Es stellte sich heraus, dass wir alle etwas gemeinsam hatten: Jung und alt, gekleidet in die grauen Anzüge der wohlhabenden Lobbyisten der Stadt oder die Turnschuhe und Sweatshirts ihrer ärmeren Bewohner, starrten die meisten (aber nicht alle) von uns auf ihre Handys. Eine langgesichtige Asiatin in einem leuchtend rosa Hemd gehörte zu den wenigen, die die Realität ungefiltert ertrugen und ohne jede Form der Unterhaltung ins Leere starrten. Eine einzige potenzielle Geschworene, eine weiße Dame Ende fünfzig, las – ihre Papierausgabe des New Yorker war bei einer Kurzgeschichte namens „The Heat of the Moment” aufgeschlagen.
Ein kurzer Film, der auf den Erkenntnissen des „impliziten Bias-Tests” beruhte (der, wie ich mir ein brummeliges Murmeln nicht verkneifen konnte, längst widerlegt worden ist.), lief in einer Endlosschleife. „Es ist ziemlich gut belegt, dass die meisten Vorurteile auf unbewusster Ebene entstehen”, erklärte der Vorsitzende Richter Milton C. Lee Jr., ein älterer schwarzer Mann mit einem penibel gestutzten grauen Bart und wohlwollendem Tonfall.
„Zu Beginn dieses Videos haben wir alle den Vorsitzenden Richter gesehen”, stimmte eine muntere junge Frau im Tonfall der Gläubigen ein. „Die Wahrheit ist, dass wir ihn alle sofort beurteilt haben.” Welches Urteil, fragte ich mich, hatte ich unwissentlich über den Vorsitzenden Richter gefällt? Dass er stolz auf sein Äußeres ist und nach einem langen Tag am Gericht gerne in einem großen Sessel zurücklehnt und einen kleinen Tumbler mit feinem Whiskey genießt?
Als ich endlich an der Reihe war, das Büro zu betreten, prüfte ein Gerichtsangestellter meinen Ausweis und händigte mir dann ein Schlüsselband mit einem Schild aus, auf dem „Petit Juror” stand und die Nummer, unter der ich für den Rest des Tages bekannt sein würde. Die nächste Station war die „Geschworenenlounge”, die sich als riesiger Warteraum entpuppte, mit etwa zehn Reihen zu je vierzig Stühlen, alle nach vorne ausgerichtet.
Nach einer Stunde kündigte eine Gerichtsbeamtin über eine blecherne Lautsprecheranlage an, dass gleich eine Jury einberufen werden würde. Sie würde einige von uns bei unseren Namen und den letzten drei Ziffern unserer Geschworenennummern aufrufen. Nach etwa zwei Dutzend anderen hörte ich schließlich etwas, das meinem Namen ähnelte: „Moo... Mou... Muuunk? 063.” Ich blickte auf meine Karte, um zu überprüfen, dass sie mich meinte, nahm ein neues Blatt Papier mit der Nummer 23 darauf entgegen und reihte mich dann an der hinteren Wand ein, eingeklemmt zwischen den Geschworenen 22 und 24.
Als unsere kleine Truppe von etwa fünfzig Möchtegern-Geschworenen vollständig war, wurden wir in einer Reihe in einen fensterlosen Gerichtssaal geführt. Aus der Lautsprecheranlage dröhnte lautes statisches Rauschen. Der Angeklagte, ein junger schwarzer Mann, dem vorgeworfen wurde, ohne Führerschein gefahren und vor der Polizei geflüchtet zu sein, saß mit seinen erfahrenen Verteidigern rechts. Die Staatsanwälte, ein Mann und eine Frau, beide erstaunlich jung aussehend, saßen links. Die Geschworenen eins bis 14 nahmen im Geschworenenkasten Platz; der Rest von uns, weiterhin nach Nummern geordnet, setzte sich auf die Zuschauertribüne.
Zehn lange Minuten herrschte völlige Stille im Gerichtssaal. Dann verstummte das Rauschen plötzlich; der Richter setzte ein wohlwollendes Lächeln auf und wandte sich uns zu. Richter Jason Park, ein asiatisch-amerikanischer Mann Mitte vierzig, der – wie ich später erfuhr – von Donald Trump für dieses Amt nominiert worden war, erklärte, dass das amerikanische Rechtssystem auf dem „Glauben beruht, dass ganz gewöhnliche Bürger die Erfahrung und Intelligenz besitzen, solche Urteile zu fällen, und zwar gut zu fällen. Dies ist wahrhaft eine Regierung des Volkes, durch das Volk und für das Volk. Ob Sie ausgewählt werden oder nicht – ich hoffe, Sie gehen heute mit dem Gefühl nach Hause, Ihre Bürgerpflicht erfüllt zu haben.”
Richter Park vereidigte uns und begann dann, eine lange Liste nummerierter Fragen vorzulesen. Hatten wir etwas über diesen Fall gehört? Waren wir je wegen eines Verbrechens festgenommen worden? Hatten wir Verwandte, die im Gefängnis gewesen waren? Falls die Antwort ja lautete, sollten wir die entsprechende Nummer auf unsere Geschworenenkarte schreiben. Wie ich gab auch Geschworene 24, eine Grundschullehrerin in den Zwanzigern, die rechts von mir saß, ein leeres Blatt ab. Geschworene 22, eine schwarze Frau in den Vierzigern mit freundlichem Wesen und müdem Gesicht, die links von mir saß, hatte – wie ich aus dem Augenwinkel sah – drei oder vier Nummern notiert.
Richter Park bat Geschworene 1 nach vorne zu einem Mikrofon, das vor seinem Richtertisch stand. Die Anwälte setzten Kopfhörer auf, und das statische Rauschen kehrte zurück. Wir alle verfolgten, wie eine Geschworene nach der anderen nach vorne gerufen wurde, um Antworten zu geben, die wir nicht verstehen konnten, auf Fragen, die wir nicht hören konnten. Ich blickte auf mein Handy und merkte, dass es schon weit nach Mittag war.
Manche Geschworenen verbrachten eine Ewigkeit damit, Fragen über sich zu beantworten, bevor sie zu ihren Plätzen zurückkehrten. Andere waren ganze sechzig Sekunden dort oben. Geschworene 22, die Frau, die verschiedene Nummern auf ihre Karte geschrieben hatte, beantwortete mindestens fünf Minuten lang Fragen. Schließlich war ich an der Reihe. Inzwischen hatte ich so viele eindringliche Belehrungen über die Bedeutung des Geschworenendienstes ertragen, dass meine Ambivalenz verschwunden war: Ich wollte wirklich ausgewählt werden.
Gebe es, fragte Richter Park in seinem wohlwollenden Ton, irgendeinen Grund, warum ich mich nicht imstande fühlen würde, diesen Fall ohne Vorurteile zu betrachten? „Nein, Euer Ehren”, sagte ich, wobei sich die übliche Anrede seltsam in meinem Mund anfühlte, als würde ich Zeilen in einem Film aufsagen.
„Was machen Sie beruflich?”, fragte der Richter. Wie, fragte ich mich, könnte ich diese Frage ehrlich beantworten, ohne entweder die Verteidigung oder die Staatsanwaltschaft dazu zu inspirieren, mich abzulehnen? „Ich bin Professor für Politikwissenschaft”, sagte ich.
„Worum geht es bei Ihrer Arbeit?”, fragte der Richter.
„Äh, ich habe in der Vergangenheit viel über Demokratie geschrieben”, sagte ich und suchte nach Worten, die zutreffend und doch harmlos klingen würden. Mir kam der Gedanke, dass es ziemlich ironisch wäre, wenn mich gerade die Tatsache, Demokratieforscher zu sein, von dieser demokratischsten aller Traditionen ausschließen sollte. „Mein aktuelles Projekt handelt von künstlicher Intelligenz”, fügte ich zögernd hinzu.
„Vielen Dank”, sagte der Richter. „Sie können sich wieder setzen.” Ich war kaum dreißig Sekunden dort oben gewesen.
Noch ein paar Leute wurden nach vorne gerufen, um Fragen über sich zu beantworten. Dann verstummte das Rauschen erneut, und der Richter teilte uns mit, dass wir nach dem Mittagessen zurückkommen müssten.
Die Grundschullehrerin und ich gingen zusammen in einem nahegelegenen Feinkostladen essen. „Ich hoffe wirklich, dass ich nicht dienen muss”, sagte sie mir bei Pastrami-Sandwiches. „Die Kinder wären sehr aufgebracht, wenn ich zum Valentinstag nicht in der Schule bin.” Aber, sagte sie, sie würde ohnehin nicht ausgewählt werden: „Meine Kollegen haben mir gesagt, dass sie nie Lehrer auswählen.”
Als wir in den Gerichtssaal zurückkehrten, waren alle Protagonisten des Prozesses bereits drinnen und standen aus Respekt vor uns auf, als wir unsere früheren Plätze wieder einnahmen. Das Rauschen verstummte erneut. Alle, die noch im Raum waren, erklärte Richter Park, seien verfassungsrechtlich als dienstfähig befunden worden. Nun würden sowohl Staatsanwaltschaft als auch Verteidigung die Erlaubnis erhalten, zehn potenzielle Geschworene aus dem Pool zu streichen – aus jedem Grund außer geschützten Merkmalen wie ihrer Rasse oder Religion. „Nehmen Sie es bitte nicht persönlich, wenn Sie gestrichen werden. Ich selbst bin nie dazu ausgewählt worden, in einer Jury zu dienen.”
Es gab viel Hin und Her mit Papieren zwischen der Verteidigung und dem Richter und zwischen dem Richter und der Staatsanwaltschaft. Schließlich drang Richter Parks Stimme wieder durch das Rauschen: „Geschworener Nummer 4. Bitte verlassen Sie Ihren Platz und stellen Sie sich hinten in den Raum.” Einen nach dem anderen bat der Richter fünf der im Geschworenenkasten sitzenden Personen aufzustehen. Offenbar waren sie ausgeschlossen worden.
Dann wandte er sich den ersten Personen zu, die im Zuschauerraum saßen. „Geschworener Nummer 16, bitte nehmen Sie Platz vier im Geschworenenkasten ein.” Ich rechnete schnell im Kopf nach und wurde mir klar, dass meine Geschworenennummer wahrscheinlich niedrig genug war, um in die Jury aufzurücken, sofern weder die Verteidigung noch die Staatsanwaltschaft mich gestrichen hatte. Zu meiner Überraschung merkte ich, wie mein Herz zu pochen begann. „Geschworene 22, bitte nehmen Sie Platz 11 ein.” Die Dame zu meiner Linken stand auf und setzte sich in den Geschworenenkasten. Sie zeigte keine sichtbare Reaktion auf ihre Auswahl, aber ihr Gesicht wirkte auf mich etwas müder als zuvor.
Falls ich ausgewählt werden sollte, müssten sie mich als nächsten aufrufen. „Geschworener 26, bitte nehmen Sie Platz 12 ein.” Ich war nicht ausgewählt worden. Die Grundschullehrerin auch nicht. Wir blickten einander an, und ich versuchte, ihr erleichtertes Lächeln zu erwidern. Doch alles was ich spürte, war ein Stich der Enttäuschung.
Dann erinnerte ich mich an das, was Richter Park zuvor gesagt hatte: Auch wenn ich nicht tatsächlich dabei helfen würde, über das Schicksal des Angeklagten zu entscheiden, hatte ich dennoch meine Bürgerpflicht erfüllt. Früher hatte das etwas kitschig geklungen; jetzt klang es wahr.
Der ganze Tag war in gewisser Weise Zeitverschwendung gewesen. Ich hatte in einer endlosen Reihe von Schlangen gestanden und stundenlang an meinem Handy gespielt, nur um dann aus Gründen entlassen zu werden, die mir nie erklärt werden würden.
Aber das ist nicht die wichtigste Lektion, die ich aus dieser Erfahrung zog. Als ich zum ersten Mal nach Amerika kam, war ich von den Institutionen des Landes beeindruckt, von seinen Gerichten bis zu seinen Universitäten. Heute kann es sich so anfühlen, als befänden sich viele dieser Institutionen in einem Zustand des endgültigen Verfalls – sie erfüllen ihre Aufgaben nicht, werden von inkompetenten Günstlingen geleitet und stoßen beim Publikum auf zunehmendes Misstrauen.
Ein zutiefst gewöhnlicher Tag in einem zutiefst gewöhnlichen Gericht erinnerte mich daran, dass dieser Zusammenbruch noch nicht vollständig ist: Es gibt immer noch Richter, die ihre Pflichten mit großer Professionalität erfüllen; Anwälte und Gerichtsschreiber und Sicherheitsbeamte, die echten Stolz auf ihre Arbeit haben; und gewöhnliche Amerikaner, die bereit sind, die gewaltige Verantwortung auf sich zu nehmen, über ihre Mitbürger zu urteilen. Während das bürgerschaftliche Gefüge rapide verrottet, besteht es aus reichlichem und solidem Stoff. Als ich wieder hinaus in den Sonnenschein trat und einen Spaziergang über die National Mall machte, dabei den Pfützen aus geschmolzenem Schnee auszuweichen suchte, blickte ich auf die glitzernde Kuppel des Kongresses mit etwas mehr Optimismus über mein Adoptivland, als ich am Morgen hatte aufbringen können.
Dieser Text wurde mit Hilfe von KI übersetzt und von Niya Krasteva redigiert.




