Wach auf, Europa
Der Kontinent muss sein Schicksal in die eigene Hand nehmen.
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Vergangene Woche stellte Die Zeit, in deren Herausgeberbeirat ich sitze, einigen der führenden Denker der Welt eine trügerisch einfache Frage: Soll Europa mit den Vereinigten Staaten brechen? Hier ist meine Antwort.
Vor wenigen Wochen entsandten Deutschland, Frankreich, die Niederlande und eine Reihe anderer europäischer Nationen Truppen nach Grönland, um das dänische Territorium zu schützen gegen... die Vereinigten Staaten. Noch vor einem Jahr, als Donald Trump zum zweiten Mal sein Amt antrat, wäre eine solche Wendung kaum vorstellbar gewesen. Doch die Erkenntnis, dass eine alte politische Ordnung zerbricht und wir so bald nicht zu der relativen Ruhe der Nachkriegsjahre zurückkehren werden, dämmert langsam jenen politischen Oberhaupten, die verzweifelt in der Vergangenheit leben wollen.
Das zwingt praktisch die Frage auf, ob Europa mit den Vereinigten Staaten brechen sollte. Doch so natürlich es in diesem Moment auch sein mag, diese Frage zu stellen – sie verrät Naivität über den trostlosen Zustand des Kontinents und droht, ihn in die falsche Richtung zu drängen.
Es ist klar, dass Deutschland insbesondere nicht mehr auf die Vereinigten Staaten zählen kann wie einst. Das Ausmaß, in dem europäische Länder ihre militärische Sicherheit in der Nachkriegszeit an Amerika ausgelagert haben, beruhte auf dem Wissen, dass trotz aller Differenzen sowohl demokratische als auch republikanische Präsidenten die NATO schätzen und die EU tolerieren würden. Angesichts der Feindseligkeit, die Trump – und, entscheidend, andere Teile der aufstrebenden Rechten – gegenüber NATO und EU hegen, ist diese Abhängigkeit zur Belastung geworden.
Doch genauso klar ist, dass Europa nicht vollständig mit den Vereinigten Staaten brechen kann. Bei aller verständlichen Wut, die Europäer gegenüber der Trump-Regierung wegen ihrer Liebäugelei mit dem Kreml empfinden – es sind nach wie vor amerikanische Waffen und Geheimdienstberichte, die es der Ukraine ermöglichen, sich weiter gegen die russische Invasion zu verteidigen. Und welche Inbegriffe europäischer Werte sollten die Vereinigten Staaten ersetzen, falls Europa beschlösse, reinen Tisch mit Uncle Sam zu machen: Narendra Modi in Delhi? Xi Jinping in Peking? Wladimir Putin in Russland? MBS in Saudi-Arabien? Die Mullahs im Iran?
Die Antwort auf Europas Schwäche ist daher zweifach. Erstens muss der Kontinent mit den Ländern, die tatsächlich Macht und Einfluss in der Welt ausüben, weniger sentimental umgehen. Das schließt natürlich die Bereitschaft ein, mit unbequemen Partnern zu verhandeln, auch wenn sie Europas Werte nicht vollständig teilen. Doch es bedeutet auch, die zunehmend brüchige Allianz mit den Vereinigten Staaten, Europas langjährigstem Partner, aufrechtzuerhalten. Die NATO mag in den nächsten drei Jahren sehr wohl zerbrechen; doch Europa sollte tun, was es kann, um dieses Ergebnis hinauszuzögern, nicht es zu provozieren.
Zweitens muss Europa gleichzeitig alles dafür tun, wieder auf die eigenen Beine zu kommen. Die vergangenen Monate haben schmerzhaft deutlich gemacht, dass eine starke, aber schwächelnde Wirtschaft kombiniert mit einer ausufernden und stetig wachsenden Bürokratie nicht ausreichen, um eine echte Stimme in der Welt zu haben. Wenn Europa mehr Autonomie will, liegt der Schlüssel nicht im Bruch mit Washington; er liegt darin, militärische Sicherheit auf dem eigenen Kontinent gewährleisten zu können, echtes Wirtschaftswachstum zu generieren und vor allem eine wirkliche Rolle bei den Zukunftstechnologien zu spielen, von Elektroautos bis zur künstlichen Intelligenz.
Die wahren Hindernisse für Europas Fähigkeit, das eigene Schicksal zu gestalten, haben nichts mit den Menschen zu tun, die in irgendeiner fernen Hauptstadt das Sagen haben. Sie wurzeln in dem Mangel an Ehrgeiz und Vorstellungskraft, der das zeitgenössische Europa langsam zu charakterisieren begonnen hat. Nach einer katastrophalen ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat das Modell, auf das der westliche Teil des Kontinents nach dem Zweiten Weltkrieg stieß, unvergleichlich besser funktioniert. Das macht es verlockend, daran festzuhalten, auch wenn es den sich wandelnden Zeiten zunehmend schlecht angepasst ist. Doch wenn Europa eine führende Rolle in der Welt spielen will – oder einfach nur für die eigenen Werte auf dem eigenen Kontinent einstehen –, muss es erkennen, dass dieses Modell nun am Ende angelangt ist. Damit Europa in einer neuen historischen Ära gedeihen kann, muss der Kontinent eine neue Vision für die eigene Zukunft entwickeln.
Versprechungen, mit den Vereinigten Staaten zu brechen, sind ebenso verlockend wie einfach. Doch wenn Europa nicht erst die eigenen Angelegenheiten in Ordnung bringt, bedeutet eine geringere Abhängigkeit vom Weißen Haus nur eine größere Abhängigkeit vom Kreml oder der KPCh. Der einzige Weg für Europa, das Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen, besteht darin, aus seinem Schlummer zu erwachen und zu beschließen, dass es nicht länger ein musealer Kontinent sein will.
Dieser Text wurde mit Hilfe von KI übersetzt und von Niya Krasteva redigiert.


"Doch wenn Europa eine führende Rolle in der Welt spielen will – oder einfach nur für die eigenen Werte auf dem eigenen Kontinent einstehen –, muss es erkennen, dass dieses Modell nun am Ende angelangt ist."
Eine führende Rolle? Das ist nun vorbei. Europa hat im Lauf des letzten Jahrtausends mehr als genug Unheil angerichtet. Dieser Wurmfortsatz Asiens muss nun in die zweite Reihe rücken, aufhören, mit lauthals verkündeten, aber nicht gelebten Werten dem Rest der Welt ethische Vorschriften machen zu wollen. Die modernisierte Faschismusform, die sich in den usa gerade breit macht, hat ihre Väter in Europa, der Holocaust ist eine europäische Erfindung. Aber ist jemand, der stolz darauf ist, im Herausgeberrat der 'Zeit' Mitglied zu sein, einem Blatt, das vor grossbürgerlicher Verlogenheit nur so strotzt, das den führenden deutschen Bellizisten nur zu bereitwillig Spalte um Spalte einräumt, wohl bereit, sich mit den europäischen Lebenslügen zu konfrontieren? Der Hinweis auf die vermeintlich oder tatsächlich noch unmenschlicher geführten Staaten ist typisch - 'Europa ist allen Katastrophen, Gemetzeln, Völkermorden, Ökoziden zum Trotz doch immer noch besser als all die anderen', halt, nicht all die anderen, weite Teile der Welt kommen schon gar nicht in die Kränze, oder wie soll man das verstehen. Nicht Awakening ist nötig, sondern fundamentale Selbstkritik. Und übrigens - niemand bedroht Europa militärisch, die Behauptung des Gegenteils dient nur den Ewiggestrigen, in die alten Geleise zurückzufinden, wieder wer zu werden. Dafür ist man auch bereit, einen nuklaer geführten Krieg zu riskieren.
Gruss Reto
Yascha, ich folge deinen Posts und deinem Podcast seit Jahren mit Interesse. Gerade deshalb wirkt dieses Narrativ zunehmend ermüdet.
„Wach auf, Europa“ – seit spätestens 2016.
„Deutschland/Europa kann sich nicht mehr auf die USA verlassen“ – ebenfalls seit 2016.
„Die NATO könnte zerbrechen“ – kein neuer Gedanke, sondern ein alter Bekannter.
Interessant wurde es dort, wo du von mangelndem Ehrgeiz und fehlender Vorstellungskraft sprichst.
Aber dann kehrst du doch wieder zum Altvertrauten zurück: Europa als schlafender, musealer Kontinent, der endlich „aufwachen“ müsse.
Was, wenn die unbequemere Wahrheit eine andere ist?
Nicht fehlende Analyse, nicht mangelnde Warnungen – sondern eine Gesellschaft, die sich zu sehr an Komfort, Stabilität und moralische Selbstgewissheit gewöhnt hat, um den Preis echter Selbstverantwortung zahlen zu wollen.
Vielleicht wäre es an der Zeit, weniger abstrakte Akteure („Europa“, „der Staat“) zu adressieren – und stattdessen den eigenen Milieus, Lesern und Hörern den Spiegel vorzuhalten.
Oder ist genau das der Punkt, an dem Meinungsführung riskant wird?
Mit freundlichen Grüßen
Zoltan Lukac