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Es ist inzwischen fast ein Jahrzehnt her, dass Donald Trump zum ersten Mal Präsident der Vereinigten Staaten wurde. Wir haben uns so sehr an seinen außergewöhnlichen Einfluss auf das politische System der USA gewöhnt, dass man leicht vergisst, wie schockierend und unerwartet sein Aufstieg damals war. Wie ich vor zehn Jahren, gerade erst mit dem Studium fertig, argumentierte, beschränkte sich dieses Versagen keineswegs auf die Journalisten. Auch die Sozialwissenschaftler wurden völlig unvorbereitet getroffen.
Nun sieht es so aus, als könnte Donald Trumps Einfluss auf Amerika endlich schwinden. Er ist so unbeliebt wie zu keinem anderen Zeitpunkt im vergangenen Jahrzehnt. Bei den bevorstehenden Zwischenwahlen dürfte er eine empfindliche Niederlage erleiden. Schon bald wird sich die Aufmerksamkeit auf die Vorwahlen zur Präsidentschaftswahl 2028 richten.
Doch unser kollektives Versagen, Trumps Aufstieg vorherzusehen, beschäftigt mich in letzter Zeit in einem vielleicht überraschenden Zusammenhang: Während sich Sozialwissenschaftler mit der Frage auseinandersetzen, wie künstliche Intelligenz unsere Wirtschaft und unsere Demokratie verändern wird, verfallen sie erneut einigen jener Fehler, die sie schon beim bevorstehenden Aufstieg des Populismus begingen. In einer Zeit tiefgreifender Umbrüche greifen sie unkritisch auf Daten aus der jüngeren Vergangenheit zurück, um vorherzusagen, was die Zukunft bringen könnte.
—Yascha
Im Zuge der Weltfinanzkrise mussten sich Ökonomen unangenehmen Fragen stellen: Wie hatten sie den bevorstehenden Zusammenbruch der Weltwirtschaft übersehen können? Was nützten all ihre ausgefeilten Modelle, wenn sie eine derart gewaltige systemische Krise nicht vorhersagen konnten?
So wie die Ökonomen die Weltfinanzkrise nicht vorhergesehen hatten, gelang es auch den Politikwissenschaftlern nicht, eine Reihe folgenschwerer politischer Umwälzungen vorauszusehen. Das offensichtlichste Beispiel ist der kometenhafte Aufstieg Donald Trumps. Doch das Problem reicht weit darüber hinaus: In den vergangenen Jahren haben Politikwissenschaftler die stabilisierenden Kräfte immer wieder überschätzt. Sie sahen weder den Brexit voraus noch das Chaos, das Rodrigo Duterte auf den Philippinen anrichtete, noch die ernsthafte Bedrohung der polnischen Demokratie durch die populistische Regierung des Landes.
Natürlich wäre es zu viel verlangt, von Politikwissenschaftlern zu erwarten, dass sie jede dieser überraschenden Entwicklungen hätten vorhersagen können. Zum einen gehört es nicht zu den eigentlichen Aufgaben der Wissenschaft, Prognosen zu erstellen. Zum anderen spielt der Zufall in der Geschichte eine Rolle: Wenn das Unwahrscheinliche eintritt, können selbst zutreffende Modelle gesellschaftlicher Zusammenhänge nicht vorhersehen, was die nächste historische Wegbiegung verursacht.
Dennoch wäre es ein Fehler, das Versagen der Wissenschaftler kleinzureden, die nicht erkannten, dass etwa eines der folgenreichsten politischen Ereignisse in den USA seit einem halben Jahrhundert bevorstehen könnte. Noch vor einem Jahr hätten die meisten Politikwissenschaftler die Vorstellung schlicht abgetan, jemand wie Trump könne die republikanische Präsidentschaftskandidatur gewinnen und bei der eigentlichen Wahl ernsthafte Chancen haben. Schlimmer noch: Die vorherrschenden Theorien des Fachs schienen geradezu das Gegenteil dessen vorherzusagen, was schließlich eintrat.
In einem der angesehensten neueren Werke über die Nominierung von Präsidentschaftskandidaten argumentieren Marty Cohen und seine Mitautoren beispielsweise, dass, wie schon der Titel ihres Buches besagt, The Party Decides – die Partei entscheidet. Ihrer Auffassung nach nutzen die Parteieliten Wahlempfehlungen und Wahlkampfspenden, um ihre bevorzugten Politiker bei den Vorwahlen zu unterstützen, und treffen damit faktisch eine Vorauswahl der Kandidaten. Doch bei den demokratischen Vorwahlen leistete ein Außenseiter, der praktisch keinerlei Rückhalt im Parteiapparat genoss, Hillary Clinton erbitterten Widerstand. Und bei den Republikanern setzte sich ein noch größerer Außenseiter mit noch weniger institutioneller Unterstützung gegen sämtliche Konkurrenten durch und wurde zum Präsidentschaftskandidaten der Vereinigten Staaten gekürt. Kurz gesagt: Die Wirklichkeit stellte selbst dort unser vermeintlich gesichertes Wissen auf den Kopf, wo die vorherrschenden Theorien scheinbar eindeutige Vorhersagen erlaubten.
Wie konnte es dazu kommen?
In den vergangenen drei Jahrzehnten hat die Politikwissenschaft beeindruckende Fortschritte darin gemacht, die Funktionsweise der politischen Welt zu verstehen, insbesondere in Zeiten relativer Stabilität. Die amerikanische Politik ist dafür ein gutes Beispiel. Forscher, die sich mit der Justiz beschäftigen, haben gezeigt, in welchem Maße sich die Entscheidungen von Richtern am Obersten Gerichtshof in künftigen Fällen anhand ihrer bisherigen ideologischen Ausrichtung vorhersagen lassen. Wissenschaftler, die den Kongress untersuchen, können wiederum mit großer Genauigkeit prognostizieren, wie Abgeordnete über einen anstehenden Gesetzentwurf abstimmen werden, indem sie Faktoren wie ihre Parteizugehörigkeit, ihr bisheriges Abstimmungsverhalten oder ihre wichtigsten Geldgeber berücksichtigen.
Drei miteinander verknüpfte methodische Veränderungen erklären einen Großteil dieser Fortschritte.
Erstens interessierten sich Politikwissenschaftler früher dafür, wichtige Aspekte der politischen Welt zu beschreiben, zu interpretieren und zu erklären. Das reichte von einzelnen historischen Ereignissen von großer Tragweite wie der Französischen Revolution bis hin zu bestimmten politischen und gesellschaftlichen Milieus wie Parlamenten oder lokalen Gewerkschaften. Heute hingegen besteht ihr erklärtes Ziel vor allem darin, kausale Zusammenhänge zu untersuchen und daraus allgemeine Gesetzmäßigkeiten des politischen Lebens abzuleiten. Die bloße Beschreibung von Tatsachen, so glauben inzwischen die meisten Politikwissenschaftler, sei Aufgabe der Journalisten. Die Erklärung einzelner Ereignisse, betonen sie, falle in den Zuständigkeitsbereich der Historiker. Und Spekulationen über radikale Umwälzungen, die einem politischen Gemeinwesen morgen bevorstehen könnten, überlasse man besser den politischen Kommentatoren. Politikwissenschaftler konzentrieren sich stattdessen vor allem darauf, herauszufinden, wie Variablen wie Einkommen oder Bildung bestimmte Ergebnisse, etwa das Wahlverhalten, beeinflussen.
Zweitens wurde die Politikwissenschaft einst von Forschern geprägt, die sich ausdrücklich einem qualitativen Ansatz verschrieben hatten. Sie waren sowohl mit der Geschichte als auch mit den Feinheiten des aktuellen politischen Geschehens bestens vertraut und gewannen ihre empirischen Erkenntnisse aus Archiven, Interviews mit Politikern und politischen Entscheidungsträgern oder ethnografischen Untersuchungen bestimmter Organisationen und Stadtviertel. Heute hingegen arbeiten Politikwissenschaftler überwiegend mit quantitativen Methoden. Die meisten verbringen einen Großteil ihrer Zeit damit, Datensätze zu erstellen und mithilfe statistischer Verfahren zu untersuchen, wie bestimmte Faktoren mit den Ergebnissen zusammenhängen, die sie interessieren – oder diese, im Idealfall, sogar verursachen.
Drittens definierte sich die Politikwissenschaft früher über einen gemeinsamen Kanon zentraler politischer Fragen: Wie entstehen gesellschaftliche Revolutionen? Unter welchen Bedingungen ist die Demokratie gesichert? Heute hingegen definiert sich die Disziplin vor allem über ihre Methoden. Damit eine wissenschaftliche Arbeit als politikwissenschaftlich gilt, reicht es nicht mehr aus, dass sie die bestmögliche Antwort auf eine wichtige politische Frage liefert. Vielmehr muss sie inzwischen strengen methodischen Anforderungen genügen.
Dieser methodische Wandel hat zwar wesentlich dazu beigetragen, besser zu verstehen, wie die Welt in normalen Zeiten funktioniert. Doch die übermäßige Abhängigkeit von quantitativen Daten, die einseitige Konzentration auf allgemeine Gesetzmäßigkeiten und die strengen methodischen Anforderungen erschweren es zugleich erheblich, systematisch darüber nachzudenken, was geschieht, wenn die Zeiten nicht mehr normal sind. Dass der Aufstieg Trumps nicht vorhergesehen wurde, war deshalb keine bloße Lücke in der heutigen Politikwissenschaft, die sich leicht schließen ließe. Im Gegenteil: Dieses Versagen war eine unmittelbare Folge ihrer grundlegenden Ausrichtung.
Wenn ich hier in Cambridge, Massachusetts, messe, bei welcher Temperatur das Wasser in meinem Wasserkocher zu sieden beginnt, werde ich zuverlässig einen Wert von etwa 100 Grad Celsius erhalten. Wiederhole ich denselben Versuch in Chicago, Washington oder San Francisco, werde ich immer wieder zum gleichen Ergebnis kommen. Schon bald könnte ich Hunderte oder Tausende Messungen gesammelt haben. Sie alle würden scheinbar jene offensichtliche und unveränderliche Wahrheit bestätigen, die ich bereits in der Grundschule gelernt habe: Wasser kocht bei 100 Grad.
Doch diese Wahrheit ist weit weniger offensichtlich und unveränderlich, als es zunächst scheint. Würde ich meinen bewährten Wasserkocher nach La Paz in Bolivien mitnehmen, begänne das Wasser bereits bei weniger als 90 Grad zu sieden. Und sollte es mir irgendwie gelingen, ihn bis auf den Gipfel des Mount Everest zu schleppen, würde das Wasser dort schon bei etwa 70 Grad kochen.
Allgemeine Gesetzmäßigkeiten, ob in den Natur- oder Sozialwissenschaften, gelten nur unter bestimmten Rahmenbedingungen. Sie beschreiben die Welt zutreffend, solange bestimmte Voraussetzungen – in diesem Fall der Luftdruck – erfüllt sind. Ändern sich diese Voraussetzungen, müssen die vermeintlichen Gesetzmäßigkeiten präzisiert, in ihrem Geltungsbereich eingeschränkt oder ganz verworfen werden.
Dieser Umstand ist Sozialwissenschaftlern natürlich bestens bekannt. Doch obwohl wir die Bedeutung solcher Geltungsbedingungen in der Theorie durchaus verstehen, setzen wir uns nur selten ernsthaft damit auseinander, wie sie viele unserer grundlegenden Annahmen außer Kraft setzen könnten – und uns systematisch den Blick auf jene seltenen, aber außerordentlich bedeutsamen Wendepunkte der Geschichte verstellen.
Betrachten wir folgende Hypothesen: Die führenden Vertreter amerikanischer Parteien bestimmen, wer für ihre Partei kandidiert. Radikale Kandidaten, die grundlegende demokratische Normen angreifen, finden in der amerikanischen (oder polnischen oder schwedischen) Bevölkerung keine breite Unterstützung. Wenn in einem wohlhabenden Land die Regierung mindestens zweimal durch freie und faire Wahlen gewechselt hat, ist die liberale Demokratie dort dauerhaft gefestigt. Jede dieser Hypothesen wird durch differenzierte und umfangreiche empirische Befunde aus den vergangenen 50 Jahren gestützt. Und doch könnten sie alle an Rahmenbedingungen geknüpft sein, die wir gerade deshalb nicht erkennen, weil sie während des vergangenen halben Jahrhunderts stets erfüllt waren – nun aber allmählich wegfallen.
Behalten Parteien denselben Einfluss auf die Wähler bei den Vorwahlen, wenn das öffentliche Vertrauen in Politiker auf historische Tiefstände gesunken ist? Lehnen Wähler extremistische Kandidaten auch dann noch ab, wenn sie sich immer weniger mit der Idee der Demokratie identifizieren? Und werden wohlhabende liberale Demokratien weiterhin stabil bleiben, wenn der Lebensstandard der Durchschnittsbürger erstmals seit ihrer Gründung über eine ganze Generation hinweg kaum noch gestiegen ist?
Naturwissenschaftler können die Geltungsbedingungen ihrer Erkenntnisse bis zu einem gewissen Grad systematisch überprüfen. Wenn es theoretische Gründe für die Annahme gibt, dass der Luftdruck den Siedepunkt von Wasser beeinflusst, und Experimente auf dem Gipfel des Mount Everest wenig praktikabel sind, können sie den Luftdruck in ihrem Labor künstlich senken. Politikwissenschaftlern stehen weit weniger Möglichkeiten zur Verfügung. Selbst wenn sie erkennen, dass es theoretische Gründe für die Vermutung gibt, dass eine liberale Demokratie bei stagnierendem Lebensstandard an Stabilität verlieren könnte, können sie kein künstliches Experiment durchführen, um die Geltungsbedingungen ihrer Theorie zu überprüfen.
Die naheliegende Schlussfolgerung lautet, dass Politikwissenschaftler weniger überzeugt von der allgemeinen Gültigkeit ihrer Erkenntnisse sein sollten. Die weniger offensichtliche Schlussfolgerung ist noch weitreichender: In einer Disziplin, in der wir die Geltungsbedingungen unserer Theorien niemals systematisch bestimmen können, könnte die Entdeckung allgemeiner Gesetzmäßigkeiten weniger wert sein, als es zunächst scheint. So ist etwa die Erkenntnis, dass ein hohes Bruttoinlandsprodukt unter bestimmten, nicht näher bestimmbaren Bedingungen die Stabilität liberaler Demokratien stärkt, letztlich nur von begrenztem Nutzen. Sie erklärt weder vollständig, warum sich die Demokratie in den Vereinigten Staaten historisch so fest etablieren konnte, noch sagt sie uns, unter welchen Umständen die amerikanische Demokratie scheitern könnte.
Es gibt noch ein weiteres Problem. Der Einsatz statistischer Verfahren und die Konzentration auf kausale Erklärungen haben es der Politikwissenschaft ermöglicht, ihre Erklärungskraft zu erweitern und ihre Erkenntnisse weniger anfällig für vorgefasste Annahmen zu machen. Doch zugleich bergen sie die Gefahr, unseren Blickwinkel zu verengen und sozialwissenschaftliche Forschungsergebnisse systematisch zu verzerren.
Über wirtschaftliche Zusammenhänge lassen sich leichter hochwertige Daten sammeln und damit „methodisch fundierte“ Aussagen über Ursache und Wirkung treffen als über kulturelle Phänomene. Auch deshalb bevorzugen die Sozialwissenschaften heute wirtschaftliche gegenüber kulturellen Erklärungsansätzen. Ebenso lassen sich über häufig auftretende Ereignisse, die leicht zu zählen und zu kategorisieren sind, etwa Abstimmungen im Kongress, einfacher verlässliche Daten erheben und kausale Hypothesen überprüfen als über seltene und schwer zu erfassende Ereignisse wie politische Revolutionen. Auch deshalb konzentrieren sich die Sozialwissenschaften heute stärker auf die politischen Routinen der jüngeren Vergangenheit als auf die großen historischen Wendepunkte weiter zurückliegender Zeiten.
Jede Methode hat ihre Stärken und Schwächen. Der gegenwärtige Ansatz eignet sich besser dazu, Phasen relativer Stabilität zu untersuchen, als Zeiten größerer Instabilität zu verstehen. Es entbehrt nicht einer bitteren Ironie, dass sich der methodische Wandel in der Politikwissenschaft ausgerechnet zu einem Zeitpunkt vollzogen hat, an dem die nun vorherrschenden Instrumente besonders leicht den Blick auf die radikalen Veränderungen verstellen, die sich um uns herum abspielen.
In Athen, Seoul, Stockholm und Washington stehen politische Systeme, die noch vor wenigen Jahren ausgesprochen stabil schienen, plötzlich unter erheblichem Druck. Länder, in denen bis vor Kurzem gemäßigte Parteien die politische Macht fest in ihren Händen hielten, erleben den rasanten Aufstieg populistischer Kräfte, die einige der Grundprinzipien der liberalen Demokratie infrage stellen. Weltweit gerät die liberale Demokratie in eine tiefe Krise.
Daraus müsste eigentlich folgen, dass die dringendste Aufgabe der Politikwissenschaft heute darin besteht, diese Krise zu verstehen und möglicherweise Wege zu ihrer Überwindung aufzuzeigen. Doch gerade das erschwert die gegenwärtig vorherrschende methodische Lehrmeinung. Wenn wir einen bestimmten politischen Moment nur verstehen können, indem wir mithilfe statistischer Verfahren allgemeine kausale Zusammenhänge aufzeigen, dann brauchen wir Daten über vergleichbare Entwicklungen in der Vergangenheit, um die wirkenden Kräfte zu beschreiben. Damit wird es jedoch nahezu unmöglich, etwas über Entwicklungen auszusagen, für die es keinen wirklichen historischen Präzedenzfall gibt: Für sie existieren naturgemäß keine Daten aus der Vergangenheit, die ihre Ursachen oder Folgen erklären könnten.
Welchen Schaden würde Trump der amerikanischen Republik zufügen? Unter welchen Umständen könnte die bisherige Stabilität der liberalen Demokratie ein Ende finden – und unser politisches System in eine tiefe Krise geraten?
Nach den heute geltenden methodischen Maßstäben sind solche Fragen praktisch aus dem Gegenstandsbereich der Politikwissenschaft verschwunden.
In normalen Zeiten, wenn die politische Welt relativ ruhig ist und die jüngere Vergangenheit eine einigermaßen verlässliche Orientierung für die unmittelbare Zukunft bietet, mag die Unfähigkeit, sich mit großen, zwangsläufig spekulativen Fragen auseinanderzusetzen, ein vertretbarer Preis sein. Doch inzwischen wird immer deutlicher, dass wir in alles andere als normalen Zeiten leben und dass sich die Zukunft grundlegend von der jüngeren Vergangenheit unterscheiden könnte.
Die Politikwissenschaft steht deshalb vor einer grundlegenden Entscheidung: Wir können an unseren bisherigen methodischen Vorgaben festhalten und schweigen, während die Zukunft der liberalen Demokratie auf dem Spiel steht. Oder wir können versuchen zu verstehen, was die gegenwärtige Krise der liberalen Demokratie verursacht hat und wie sie überwunden werden könnte.
Ich will keineswegs behaupten, dass dies einfach sein wird. Die Welt in Zeiten großer Unsicherheit zu verstehen, ist ein schwieriges Unterfangen. Doch uns stehen zahlreiche Instrumente zur Verfügung, die wir bislang kaum nutzen. Wir könnten uns viel intensiver mit der Geschichte beschäftigen, insbesondere mit jenen Phasen, in denen Demokratien in schwere Krisen gerieten oder über Jahrhunderte stabile Herrschaftsordnungen plötzlich zu zerfallen begannen. Wir könnten uns mehr Zeit nehmen, um jene Wähler besser kennenzulernen, die sich vom politischen System entfremdet haben, oder die neue Generation von Populisten, die in unseren Hauptstädten die Macht erobern. Und wir könnten stärker darauf achten, welche befürchteten Katastrophen ausgeblieben sind, und untersuchen, wie es in der Vergangenheit gelang, drohendes Unheil abzuwenden.
Unabhängig davon, für welche Methoden wir uns entscheiden, muss es unsere oberste Priorität sein, die drängendsten politischen Fragen unserer Zeit so gut wie möglich zu beantworten – anstatt uns in die bequeme Gewissheit zurückzuziehen, allgemeine Gesetzmäßigkeiten nachzuweisen, die bestenfalls von zweitrangiger Bedeutung sind. Im Rückblick werden sich einige der Theorien, die wir mithilfe dieses breiteren methodischen Instrumentariums entwickeln, als falsch erweisen, insbesondere wenn wir uns gelegentlich an Prognosen wagen. Doch wenn die Politikwissenschaft tatsächlich etwas zur gesellschaftlichen Debatte beitragen soll, ist es besser, hin und wieder falschzuliegen oder sogar einen Fehlalarm auszulösen, als in einer Blase zu verharren, die uns von den zunehmend beunruhigenden Entwicklungen um uns herum abschirmt.
Dieser Text wurde mit Hilfe von KI übersetzt und von Niya Krasteva redigiert.



