Eine Antwort auf „Die Bourgeoisie hat die Seiten gewechselt"
Michael Lind über die zwei Arten von Bourgeoisie.
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Manchmal lässt sich schwer vorhersagen, welche Artikel breiteres Interesse wecken werden und welche nicht. Aus welchen Gründen auch immer – der Artikel der vergangenen Woche tat es. Und unter den vielen interessanten Reaktionen darauf war eine von einem meiner Lieblingsautoren: Michael Lind.
In dem Artikel argumentierte ich, dass wir inmitten eines seltsamen „Paradoxons unendlicher Stimmen und enger Köpfe” leben. Einerseits hat die Social-Media-Revolution die Meinungsäußerung enorm erleichtert und zu einer weitaus vielfältigeren Öffentlichkeit geführt (sowohl im Guten wie im Schlechten). Andererseits sind jene von uns, die gewissermaßen Angehörige der professionellen Klasse sind, Teil eines Milieus, in dem die Bandbreite akzeptabler Meinungen viel schmaler ist als früher. Ein Grund für dieses Paradox, argumentierte ich, ist ein Prozess, den ich die „Brooklynisierung der Bourgeoisie” nannte. Die wohlhabende, mit Bildungsabschlüssen ausgestattete Schicht ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich nach links gerückt. Und da sie überproportionalen Einfluss auf die Kultur ausübt, hat dies eine kulturelle Repräsentationslücke zwischen diesem Milieu und dem Rest des Landes aufgerissen.
Linds Antwort, die ich heute mit Ihnen teile, macht einen wichtigen Punkt: dass wir wirklich zwischen zwei verschiedenen Segmenten der Mittelschicht unterscheiden sollten. Das erste Segment umfasst Anwälte, Ärzte, Akademiker und andere, die durch den Erwerb formaler meritokratischer Zeugnisse zu ihren Positionen gelangt sind; der deutsche Begriff dafür lautet Bildungsbürgertum. Das zweite Segment umfasst Unternehmer und wohlhabende Handwerker, die durch direktere Konkurrenz auf dem freien Markt zu ihren Positionen gelangt sind; der deutsche Begriff dafür lautet Besitzbürgertum. Ohne Michaels Argumentation vorwegzunehmen, möchte ich nur anmerken, dass meine Verwendung des Begriffs „Bourgeoisie” im Artikel der vergangenen Woche primär auf die erste Gruppe einging, da – vielleicht zum Schaden unserer kollektiven begrifflichen Klarheit – diese Bezeichnung in den Vereinigten Staaten heute meist so verstanden wird.
Da ich schon dabei bin, sollte ich auch eine weitere Synekdoche eingestehen, deren ich von einigen nachdenklichen Korrespondenten vergangene Woche zu Recht überführt wurde. Als ich über die „Brooklynisierung der Bourgeoisie” schrieb, hatte ich natürlich jene Teile Brooklyns im Sinn, die das Bildungsbürgertum beherbergen; alles, was ich schrieb, sollte für Brooklyn Heights oder Park Slope gelten, nicht aber für Brighton Beach oder Sheepshead Bay. Ich entschuldige mich förmlich dafür, die letztgenannten Viertel ungebührlich in Verruf gebracht zu haben.
Doch nun ohne weitere Umschweife Michael Linds Antwort auf meinen Beitrag der vergangenen Woche.
Danke fürs Lesen, wie immer.
—Yascha
Die zwei Bourgeoisien
Yascha Mounks Essay „Die Bourgeoisie hat die Seiten gewechselt” ist ebenso einsichtig wie seine Formulierung von der „Brooklynisierung der Bourgeoisie” einprägsam ist. Seine Analyse ließe sich dadurch vertiefen, dass man anerkennt: Im heutigen Westen gibt es mehr als eine Bourgeoisie.
In Deutschland ist die Differenzierung zwischen dem Bildungsbürgertum – klassischerweise repräsentiert durch Akademiker, Juristen, Mediziner, den Klerus und die Beamtenschaft – und dem Besitzbürgertum fest etabliert. Letzteres umfasst das unternehmerische Spektrum vom Privatbankier bis hin zum wohlhabenden, selbstständigen Handwerker.
Diese gesellschaftliche Spaltung, wenn auch nicht die Terminologie, ist in den Vereinigten Staaten vertraut. Die Politik der „Expertenherrschaft” wurzelt in Amerikas gebildeter Bourgeoisie, die seit 1900 Varianten einer vermeintlich aufgeklärten technokratischen Regierung als Alternative zu den gefürchteten Extremen von Pöbelherrschaft und Plutokratie bevorzugt. Amerikanische Geschäftsleute und die von ihnen finanzierten Politiker und Meinungsmacher haben unterdessen ein Jahrhundert lang „sich einmischende Bürokraten” und „langhaarige Professoren” in pseudopopulistischen Kampagnen angeprangert, um rivalisierende nichtkapitalistische Eliten zu delegitimieren.
Der Aufstieg der durch Manager statt durch Gründer geprägten Großkonzerne sowie die zunehmende Bürokratisierung von Hochschule und Philanthropie haben auf beiden Seiten des Atlantiks ein neues Feld eröffnet: Es entstand ein Übermaß an Positionen für jene Fachkräfte, deren Status primär durch die akademischen Weihen des Bildungsbürgertums beglaubigt wird. Diese meritokratischen Manager können mühelos zwischen den Bürokratien von Wirtschaft, Bankwesen, Regierung und gemeinnützigem Sektor zirkulieren, und sie neigen dazu, gemeinsame Werte zu teilen, die ihnen von prestigeträchtigen Universitäten eingeflößt wurden.
Das heutige Besitzbürgertum setzt sich sowohl aus kleinen Gewerbetreibenden als auch aus Unternehmern zusammen, die Firmen von immenser Größe gründen. Große wie kleine Eigentümer-Betreiber neigen dazu, die Ansicht zu teilen, dass ihr Unternehmen ihr persönliches Eigentum ist. Sie fühlen sich von Regulierungsbehörden, Steuerbehörden und Arbeitern angegriffen und beleidigt, die Gewerkschaften gründen wollen oder einfach höhere Löhne fordern.
Rechtspopulisten beiderseits des Atlantiks reklamieren für sich, „das Volk“ gegen „die Eliten“ zu vertreten – dabei agieren sie faktisch als Speerspitze des Besitzbürgertums in seinem säkularen Kampf gegen die akademische Funktionselite. Ein historisches Modell für diesen heutigen, antiintellektuellen und staatsfeindlichen Populismus findet sich im Nachkriegs-Poujadismus: jener Revolte der französischen Kleinbesitzer der 1950er Jahre.
Zwar gelingt es Demagogen wie Donald Trump oder Nigel Farage, Teile der Arbeiterschaft zu mobilisieren – getrieben durch das Unbehagen an der Migration oder die Entfremdung vom kulturellen Progressivismus. Doch ihr eigentliches Fundament, ihre Spenderbasis und ihr ideologischer Kern, besteht aus dem Kleinbürgertum und jenen autokratischen Tycoons, die niemandem außer sich selbst Rechenschaft schuldig sind. Diese Öl-Magnaten und Tech-Pioniere stehen in schroffem Gegensatz zu den bloß temporär bestallten CEOs der bürokratisierten Großkonzerne und Megabanken.
Sollte diese Analyse zutreffen, lässt sich das von Mounk beschriebene Muster als ein Zusammenstoß zweier Bourgeoisien begreifen. Auf der einen Seite die technokratischen Fachkräfte der großen Apparate, die sich auf eine von ihnen selbst definierte Vernunft und Wissenschaft berufen. Auf der anderen Seite die „kleinen Kapitäne“ und großen Unternehmer, die demagogische Politiker als ihre Statthalter engagieren, während sie sich selbst als systemfeindliche Rebellen inszenieren. Außer in der Zeit vor Wahlen, wenn sie Wähler aus der Arbeiterklasse brauchen, neigen beide Bourgeoisien dazu, die Mehrheiten der Arbeiterklasse im Westen zu ignorieren.
Michael Lind schreibt für Unherd und ist Autor des Buchs „Hell to Pay: How the Suppression of Wages is Destroying America.”
Dieser Text wurde mit Hilfe von KI übersetzt und von Niya Krasteva redigiert.




