Die Bourgeoisie hat die Seiten gewechselt
Was geschieht, wenn alle Eliten dasselbe glauben
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Vor etwa einem Jahr baten mich Bernard Schweizer und John Tomasi um einen Beitrag zu einem neuen Buch über Meinungsvielfalt. Wie regelmäßige Leser dieses Substacks wissen, bereitet mir die Verengung des Meinungsspektrums in vielen Berufszweigen seit langem Sorge, und ich setze mich vehement dafür ein, echte Debatten wieder zu beleben – vor allem in Elitenkreisen. Aber mir wurde klar, dass ich meine Gedanken zur Meinungsvielfalt und ihrer Bedeutung noch nie wirklich in einem zugänglichen Essay auf den Punkt gebracht hatte. Also sagte ich zu, zu dem Band beizutragen – unter der Bedingung, den Beitrag direkt mit Ihnen, meiner geschätztesten Leserschaft, teilen zu können.
Das Buch ist nun erschienen. Es versammelt Beiträge großartiger Autoren – und regelmäßiger Persuasion-Mitstreiter – von Jonathan Haidt bis Jesse Singal und von Eboo Patel bis Henry Louis Gates, Jr. Hier ist eine leicht überarbeitete Fassung meines Beitrags; ich hoffe, er wird Sie interessieren.
—Yascha
Das Jahr 2026 ist ein seltsamer Zeitpunkt, um sich wegen mangelnder Meinungsvielfalt Sorgen zu machen. In meiner Handfläche halte ich ein Smartphone, das mir Zugang zu einer größeren Vielfalt an Ansichten verschafft, als sie Menschen vielleicht jemals zuvor zur Verfügung stand. In sozialen Medien, in Podcasts, denen Millionen folgen, und zunehmend sogar in traditionellen Medien kann ich Leuten folgen, die für den Kommunismus oder den Faschismus argumentieren, ihnen dabei zuhören, wie sie für soziale Gerechtigkeit oder eine islamische Theokratie plädieren, oder jene aufsuchen, die mich drängen werden, katholischer Mönch oder chassidischer Jude zu werden.
Seit dem großflächigen Einsatz künstlicher Intelligenz kann ich sogar ChatGPT oder Claude oder DeepSeek darum bitten, jedes beliebige Argument in der Tonlage und im Stil jeder moralischen Tradition zu formulieren, die mir gerade zusagt. John Stuart Mill argumentierte bekanntlich, dass es entscheidend sei, unsere Überzeugungen als lebendige Wahrheiten und nicht als tote Dogmen zu halten – etwas, das nur möglich wäre, wenn wir einer echten Vielfalt von Ansichten ausgesetzt würden. »Falls Gegner aller wichtigen Wahrheiten nicht existieren«, meinte er, »ist es unerlässlich, sie sich vorzustellen und sie mit den stärksten Argumenten zu versorgen, die der geschickteste Advocatus Diaboli ersinnen kann.« Heute ist dieser Advocatus Diaboli für jeden Menschen mit Internetanschluss zugänglich.
Und dennoch: Die beispiellose Vielfalt der Standpunkte, die den Bürgern moderner Demokratien heute zur Verfügung steht – und für sie zu einem gewissen Grad unausweichlich ist –, geht einher mit einer größeren Homogenität des Denkens in zentralen Sphären der Zivilgesellschaft, als sie für das Leben im Westen in irgendeiner historischen Epoche seit der viktorianischen Zeit charakteristisch war. Wenn man Künstler oder Akademiker oder Sozialarbeiter oder Psychologe ist – oder zunehmend Journalist oder Arzt oder Anwalt oder Beamter –, bewegt man sich wahrscheinlich in einem gesellschaftlichen Milieu, in dem die Bandbreite respektabler Meinungen bemerkenswert schmal ist.
Das Merkwürdige daran: Diese Treue zu einem schmalen Meinungsspektrum ist größtenteils selbst auferlegt. Es gibt – zumindest in den Vereinigten Staaten, in weiten Teilen Europas sieht die Geschichte leider ganz anders aus – keine formalen rechtlichen Beschränkungen für das Äußern abweichender Standpunkte. Die Zensurformen, die führende Social-Media-Unternehmen im vergangenen Jahrzehnt in heimlicher Zusammenarbeit mit dem Staat durchsetzten, sind weitgehend verschwunden. Es lässt sich sogar gut davon leben, sich nicht der Linie zu unterwerfen: Man kann eine Menge Ruhm anhäufen und vielleicht in die höchsten Ränge politischer Macht aufsteigen, indem man jene respektablen Grundsätze angreift und sich in einen wütenden Kommentator verwandelt. Doch wenn man zufällig ein ganz normaler Berufstätiger ist, der einfach eine gute Laufbahn und ein friedliches Leben genießen möchte, bleibt der Anreiz überwältigend, einer Liste enger Glaubensartikel Lippenbekenntnisse zu zollen.
Homogenität erzeugt Konformität. Weil viele dieser Berufe heute so stark von Menschen mit einer einzigen Weltanschauung dominiert werden, neigt die heranwachsende Generation von Fachkräften dazu, dieselbe Sichtweise zu teilen. Und wo die Konformität nicht echt ist, kann Zwang den entsprechenden Anschein erwecken. Umfragen zeigen, dass ein erstaunlich hoher Anteil von Menschen in den verschiedensten Berufen regelmäßig Selbstzensur betreibt.
Ich bin dazu gekommen, dieses merkwürdige Nebeneinander zwischen einer beispiellosen Vielfalt von Meinungen, die in der Öffentlichkeit stark vertreten sind, und der starren Weltanschauung, die das Denken der einflussreichsten Menschen unserer Gesellschaft einengt, als das Paradox der unendlichen Stimmen und engen Köpfe zu bezeichnen. Niemals zuvor waren so viele Meinungen griffbereit – und niemals zuvor fühlten sich so viele Fachkräfte außerstande, ihre eigene zu äußern. Was erklärt dieses Paradox, warum ist es wichtig, und was können wir dagegen tun?
Die Brooklynisierung der Bourgeoisie
Es ist unmöglich, die Politik der westlichen Welt der letzten Jahre zu verstehen, ohne eine gewaltige soziologische Transformation zu berücksichtigen – eine, die im Rückblick unvermeidlich scheinen mag, die aber so gut wie niemand vorhergesagt hat: Die Bourgeoisie hat die Seiten gewechselt.
Den größten Teil des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts über war das Proletariat die politische Hochburg der Linken. Die Bourgeoisie war die Hochburg der Rechten. Tatsächlich spiegelt sich die Annahme, dass wohlhabende Akademiker dazu neigen würden, konservativ zu sein, in den berühmtesten politischen Abhandlungen und Kunstwerken wider, die diese Epoche hervorbrachte.
Karl Marx rief die Arbeiter der Welt zur Vereinigung auf, nicht die Anwälte oder freiberuflichen Illustratoren. Die Ursprünge der deutschen Sozialdemokratie, der britischen Labour Party und sogar der heutigen Demokratischen Partei in den Vereinigten Staaten liegen bei den Fabrikarbeitern und Gewerkschaftern. In Jacques Brels Lied »Les Bourgeois« verspotten drei junge Männer die konservativen Frömmeleien ihrer Älteren, indem sie den Notaren einer französischen Kleinstadt den nackten Hintern zeigen; als die Protagonisten am Ende des Liedes, inzwischen selbst Notare mittleren Alters, wütend darauf reagieren, dass man ihnen den Hintern zeigt, liegt die Pointe auf der Hand: Auch sie sind zu Konservativen geworden.
Doch in letzter Zeit haben sich diese Realitäten zu verschieben begonnen – mit enormen Auswirkungen auf die zeitgenössische Politik. Es ist beispielsweise erstaunlich, dass laut The Economist das sozioökonomische Profil der Koalition, die Kamala Harris, die demokratische Präsidentschaftskandidatin von 2024, zusammenstellte, am ehesten dem sozioökonomischen Profil der Koalition ähnelt, die Bob Dole, der republikanische Präsidentschaftskandidat, 1996 zusammenstellte. (Wenig überraschend verloren beide.)
Diese Transformation zeigt sich sogar im Bereich der Massenkultur. Nehmen wir als Beispiel die berühmteste amerikanische Zeichentrickserie der letzten Jahrzehnte. Als The Simpsons zum ersten Mal ausgestrahlt wurde, war Homer Simpson wahrscheinlich ein Demokrat, sein frommer Nachbar Ned Flanders ganz sicher ein Republikaner. Doch in den drei Jahrzehnten, die die Serie inzwischen läuft, hat sich die Natur der amerikanischen Parteienspaltung so stark verändert, dass jeder politisch aufmerksame Zuschauer heute bei diesen Figuren ganz andere Loyalitäten vermuten würde. Flanders könnte durch die Grobschlächtigkeit der populistischen Rechten so abgestoßen sein, dass er die Demokraten wählt; Homer würde zweifellos Donald Trump unterstützen.
Diese Transformation hat verschiedene Namen erhalten. Thomas Piketty hat sie als den Aufstieg der Brahmanen-Linken beschrieben. David Brooks hat über den Aufstieg der Bobos geschrieben. Matthew Yglesias hat den Aufstieg „der Gruppen” beklagt. Ich schlage vor, sie die Brooklynisierung der Bourgeoisie zu nennen: New Yorks Reiche lebten früher in der Upper East Side, waren stolz auf ihre alten Familienbindungen, schätzten Marker der Hochkultur wie die Oper und wählten konservativ; heute leben sie in Brooklyn, glauben, dass sie sich ihren Platz in den oberen Gesellschaftsschichten durch Erfolg in einem meritokratischen Wettbewerb verdient haben, interessieren sich eher für Rockbands oder Craft Beer und verstehen sich als progressiv.
Dieselbe Transformation hilft auch dabei, das Paradox der unendlichen Stimmen und engen Köpfe zu erklären. Die Bevölkerung der Vereinigten Staaten und vieler anderer westlicher Demokratien ist heute tief nach Bildungsabschlüssen geschichtet. Die Wohlhabenden und Hochqualifizierten stehen größtenteils politisch links. Die Arbeiterklasse driftet zunehmend nach rechts. Und das hat die Zusammensetzung, die Werte und sogar das Handeln der professionellen Klasse tiefgreifend verändert.
Klempner stehen rechts, aber Anwälte stehen links. Taxifahrer stehen rechts, aber Universitätsprofessoren stehen links. Polizisten stehen rechts, aber Beamte stehen links. Und obwohl viele Berufsstände behaupten, apolitisch zu sein, verdächtigen Klempner, Taxifahrer und Polizisten zunehmend, dass Anwälte, Professoren und Beamte ihre politischen Werte ihre Arbeit beeinflussen lassen. Der Vertrauensverlust gegenüber „Experten” ist zum Teil den dreisten Lügen geschuldet, die in den sozialen Medien verbreitet werden; er wurzelt aber auch in der realen Art und Weise, wie der Konsens innerhalb dieser Berufsstände sich zunehmend an einem eng progressiven – und oft beklagenswert irrtümlichen – Weltbild ausrichtet.
Die Brooklynisierung der Bourgeoisie hat noch einen anderen Nebeneffekt. Anwälte, Universitätsprofessoren und Beamte haben übergroßen Einfluss auf die Regeln, Normen und Entscheidungen, die einen Großteil des Alltagslebens strukturieren. Und das lässt viele weniger wohlhabende und weniger gebildete Bürger das Gefühl haben, dass die Demokratie, die man ihnen versprochen hat, ein Schwindel ist. „Wir sind die Mehrheit”, beschweren sie sich, „aber niemand hört auf uns.”
Die daraus resultierende Lage lässt beide Seiten gleichermaßen unzufrieden zurück. Viele Bürger fühlen sich ignoriert, belagert und verachtet von einer Berufsschicht, die glaubt, zum Herrschen berechtigt zu sein, und die Ansichten vieler ihrer Landsleute für unerträglich bigott hält. Das ist von großer politischer Bedeutung, denn selbst in höchst wohlhabenden Ländern gibt es mehr Handwerker, Taxifahrer und Polizisten als Anwälte, Universitätsprofessoren und Beamte. Die Angehörigen der Berufsschicht wiederum sind verwirrt über den mangelnden Respekt für ihre Expertise und befürchten, dass die Barbaren vor den politischen Toren bald ihre Köpfe fordern werden.
Was die eine Seite als flagrant ungerechte Dominanz der Gut-Diplomierten wahrnimmt, interpretiert die andere als die Gefahren revanchistischer Demagogie.
Barbaren im Inneren
Es gibt eine Gruppe von Professionals, die ich bisher nicht erwähnt habe: gewählte Amtsträger. Diese Amtsträger unterscheiden sich von anderen Angehörigen der oberen Mittelschicht, weil die Wähler sie angeblich wegen ihrer politischen Ansichten auswählen. Doch im scharfen Gegensatz zur Vergangenheit, als viele von ihnen, besonders auf der Linken, einen Arbeiterhintergrund hatten, haben nahezu alle von ihnen auch eine umfassende Sozialisierung als Angehörige der mittelständischen Berufswelt durchlaufen. Mit wenigen Ausnahmen haben gewählte Amtsträger in den Vereinigten Staaten, Großbritannien und dem größten Teil Kontinentaleuropas Universitäten besucht, lange Zeit in großen urbanen Zentren wirtschaftlicher Möglichkeiten verbracht, vielleicht in Bereichen wie Jura, Medien oder Wissenschaft gearbeitet und verdienen nun Gehälter der oberen Mittelschicht. Wenn etwas aussieht wie ein Professional, spricht wie ein Professional und verdient wie ein Professional, dann ist es wahrscheinlich ein Professional – mit allen kulturellen und ideologischen Beigaben, die heutzutage mit diesem Status einhergehen.
Es sollte daher nicht überraschen, dass sich, wie eine aktuelle Studie von Laurenz Günther zeigt, eine erhebliche Kluft zwischen den Ansichten gewählter Amtsträger und denen der Wähler gebildet hat, die sie eigentlich vertreten sollen. In Deutschland etwa war 2013, zu einer Zeit, als Rechtspopulisten es noch nicht in den Bundestag geschafft hatten, der durchschnittliche Politiker viel eher als der durchschnittliche Wähler der Meinung, dass die Einwanderung ins Land erleichtert werden sollte. Tatsächlich stand selbst das durchschnittliche Bundestagsmitglied der Christdemokraten, der damals rechtesten im Bundestag vertretenen Partei, in dieser Frage deutlich links vom Medianwähler.
Ähnliche Lücken politischer Repräsentation, so zeigt Günther, bestanden auch in anderen Ländern und bei anderen Themen. Sie zeigen sich bei Fragen darüber, wie hart die Strafen für Gewalttäter ausfallen sollten; bei Fragen darüber, ob Schulen Schülern beibringen sollten, gesellschaftlichen Autoritäten zu gehorchen; und bei Fragen darüber, ob Politiker den Kampf gegen den Klimawandel über das Wirtschaftswachstum stellen sollten.
Es gibt viele Teilerklärungen für den erstaunlichen Erfolg populistischer Parteien im vergangenen Jahrzehnt. Der Aufstieg des Internets und der sozialen Medien beispielsweise machte es Außenseitern offenkundig leichter, die politische Bühne zu stürmen, und verstärkte die Neigung der Öffentlichkeit, die Welt in unerbittlich negativen Begriffen zu sehen. Doch wie Günther nahelegt, spielte die große Kluft bei den Ansichten zu kulturellen Themen zwischen den meisten Wählern und den meisten ihrer Vertreter sicherlich eine wichtige Rolle: Der naheliegendste Grund, warum Rechtspopulisten in letzter Zeit so viel an Stimmanteilen gewonnen haben, „ist, dass sie die kulturelle Repräsentationslücke füllen”.
Die mangelnde Meinungsvielfalt in wichtigen Berufen schadet deren Fähigkeit, ihrer eigentlichen Aufgabe gerecht zu werden, ganz real. Ein Psychologe, der die abstrakten Forderungen der »sozialen Gerechtigkeit« über das Wohl des Patienten stellt, der vor ihm in der Praxis sitzt, wird seiner Pflicht, Patienten zu heilen, nicht gerecht. Eine Sozialwissenschaftlerin, die so große Angst davor hat, was ihre Kollegen über ihre neueste Studie sagen könnten, falls deren Ergebnisse zufällig einem heiligen Glaubensartikel widersprechen, wird ihrer Pflicht nicht gerecht, das menschliche Wissen zu erweitern. Doch diese Art von Schäden erfasst nur die unmittelbarsten Auswirkungen der Brooklynisierung der Bourgeoisie. Der eigentliche Schaden liegt in der Repräsentationslücke, die sich zwischen den normalen Bürgern und denjenigen aufgetan hat, die in der Gesellschaft das Sagen haben – und in der kontraproduktiven Rebellion, die sie ausgelöst hat.
Wie man nicht MAGA macht
Populisten können vor allem deshalb an die Macht gelangen, weil sie ihren Wählern versprechen, alles zu tun, um diese Repräsentationslücke zu schließen. Die Abgeordneten, so sagen sie, werden endlich anfangen, auf die Ansichten der Menschen zu hören. Berufe, die von Ideologen gekapert wurden, die eine enge Orthodoxie durchsetzen, werden gezwungen sein, repräsentativer zu werden. Institutionen, die einst Verachtung für normale Menschen empfanden, werden endlich ihren Zorn zu spüren bekommen.
Es gibt echte Gründe, warum sich diese Versprechen als so verlockend erwiesen haben. Wer vollkommen ignoriert, dass dieser Zorn auf wirklichen Versäumnissen der professionellen Elite beruht, weigert sich, sich ernsthaft mit diesem politischen Moment auseinanderzusetzen. Dennoch legt die Bilanz der Populisten in Indien und der Türkei, in Ungarn und Venezuela nahe, dass diese Versprechen selten erfüllt werden – und das erste Jahr von Donald Trumps zweiter Amtszeit in den Vereinigten Staaten verstärkt diesen Verdacht nur.
Wenn Populisten an die Macht kommen, attackieren sie bevorzugt Institutionen, die das Vertrauen der Bevölkerung verloren haben. In den Vereinigten Staaten zum Beispiel hat Donald Trump die Unbeliebtheit von Universitäten wie Harvard und Columbia ausgenutzt, indem er sie einem beispiellosen Angriff der Bundesregierung aussetzte. Der vorgebliche Zweck dieses Angriffs war es, die Art zu korrigieren, wie sie zu einem unwirtlichen Ort für Meinungen geworden waren, die gegen rigide Campus-Orthodoxien verstießen. Und in bestimmten Punkten waren diese Beschwerden wirklich berechtigt. Es ist inzwischen zum Beispiel gut dokumentiert, dass die verbindlichen »diversity statements«, die viele Universitäten in den vergangenen zehn Jahren in ihren Einstellungsverfahren verwendeten, Bewerber in der Praxis dazu zwangen, den Mantras der Critical Race Theory Lippenbekenntnisse abzulegen (wobei alle, die sich weigerten, von einer ernsthaften Berücksichtigung ausgeschlossen wurden).
Doch es wurde auch schnell offensichtlich, dass das Weiße Haus nie wirklich daran interessiert war, das Spektrum der Ansichten zu erweitern, die zulässig oder auch nur allgemein vertreten wären an den renommiertesten Universitäten des Landes. Stattdessen scheint es zwei Ziele zu verfolgen, die in einem leichten Spannungsverhältnis zueinander stehen mögen, aber gleichermaßen der wahren Sache der Meinungsvielfalt schaden.
Soweit möglich haben die jüngsten Regierungsverordnungen und anderen Verwaltungsmaßnahmen des Weißen Hauses versucht, eine Reihe von Dogmen durch eine andere zu ersetzen. Anstatt gegen die Formen ideologischer Nötigung vorzugehen, die tatsächlich fortbestehen, haben sie einfach eine neue Reihe von Ge- und Verboten geschaffen. War es früher tabu, die Grundsätze der Critical Race Theory zu kritisieren, versucht eine Flut neuer Gesetze, Regierungsverordnungen und Verwaltungserlasse nun, Akademiker mundtot zu machen, die diese Ideen lehren. Und anstatt zu verlangen, dass praktisch alle Forschung in irgendeiner Weise die Sache der Diversität fördern muss, haben öffentliche Fördereinrichtungen wahllos Zuschüsse gestrichen, die sich den Fauxpas leisteten, solche Begriffe in irgendeiner Weise zu erwähnen – in den absurdesten Fällen sogar dann, wenn sie sie in einem völlig unpolitischen Kontext verwendet hatten.
Zugleich scheint das Weiße Haus auch erkannt zu haben, dass kein noch so großer Druck der Bundesregierung die ideologische Ausrichtung der meisten Professoren an führenden Universitäten grundlegend ändern wird. Und so zielen die jüngsten Aktivitäten offenbar ebenso sehr darauf ab, diese Institutionen zu schwächen wie sie zu transformieren. Es geht nicht mehr darum, die Kultur an Institutionen zu verändern, die Populisten zu Recht als feindselig gegenüber ihrer Weltanschauung erkennen; zunehmend geht es darum, die Machtbastion des ideologischen Gegners um jeden Preis zu schleifen.
Aus rein parteitaktischer Sicht ist das vermutlich eine kluge Einschätzung. Die Zyniker im Weißen Haus, die zu dem Schluss gekommen sind, dass der Sache der MAGA-Bewegung besser gedient ist, wenn man die Universitäten belagert, statt sie zu reformieren, mögen recht haben damit, wie schwierig es wäre, per Gesetzesdekret die langfristigen Auswirkungen einer viel tieferen soziologischen Transformation der Berufselite rückgängig zu machen. Doch jeder, dem daran gelegen ist, Institutionen zu bewahren, die es Menschen unterschiedlichster Herkunft tatsächlich ermöglichen, Wissenschaft zu betreiben, über die Welt zu streiten und die Mächtigen auf ehrliche und intelligente Weise zu kritisieren, sollte entsetzt sein über das, was dabei geopfert wird. Die großartigen Beiträge der Vereinigten Staaten in Bereichen von der Informatik bis zu den Neurowissenschaften zu zertrümmern, nur um der Komparatistik eins auszuwischen – das ist sowohl schlecht für die Menschheit als auch für jeden, der wirklich danach strebt, Amerika wieder großartig zu machen.
Vielfalt der Institutionen (intern und zwischen ihnen)
Es ist schwer vorstellbar, wie man schnell aus dem Paradox der unendlichen Stimmen und engen Köpfe herausfindet. Dieser politische Moment gleicht immer mehr einer griechischen Tragödie, deren Protagonisten, unfähig die größeren Kräfte zu begreifen, die ihr Handeln bestimmen, schnell auf den Abgrund zurasen. Die Fachleute, deren Werte so weit von denen der übrigen Bevölkerung abweichen, und die Populisten, die versprechen, alle Macht, die sie anhäufen können, zu nutzen, um den Volkswillen durchzusetzen, sehen sich als Todfeinde; was keiner von beiden zu begreifen scheint, ist, dass sie tatsächlich die wertvollsten Verbündeten des jeweils anderen sind. Und wer auch immer am Ende gewinnt – es ist das Ziel der Meinungsvielfalt und die tieferliegenden Werte wie Meinungsfreiheit und Gewissensfreiheit, mit denen sie eng verknüpft ist, die dabei wahrscheinlich zugrunde gehen werden.
Die technologischen Kräfte, die es einer so großen Vielfalt von Standpunkten ermöglicht haben, in die Öffentlichkeit vorzudringen, werden kaum nachlassen. Die soziologischen Transformationen, die eine Fachleute-Klasse geschaffen haben, die einer ideologisch engen Sammlung von Glaubenssätzen verpflichtet ist, werden sich kaum umkehren. Und die Populisten, die durch die daraus resultierende Kluft zwischen dem Handeln wichtiger gesellschaftlicher Institutionen und den Ansichten gewöhnlicher Menschen an Macht gewonnen haben, werden trotz ihrer Versprechen wahrscheinlich weiterhin die wahre Meinungsvielfalt auf ihre eigene Weise beschränken. Es ist leicht vorstellbar, wie sich die Dinge vom Schlechten ins noch Schlechtere wenden könnten.
Das Problem in diesem speziellen Bereich löst sich großenteils nur dann, wenn man eine viel breitere Palette von Problemen angeht. Institutionen, die sich eine breite Legitimität erhalten wollen, müssen sich daran erinnern, dass sie ihrem Gründungsauftrag mehr verpflichtet sein sollten als den ideologischen Vorlieben ihrer Mitglieder. Das gilt für Institutionen von Harvard bis NPR und von der Ford Foundation bis Coca-Cola. Das gilt natürlich auch für Parteien: Wenn etablierte Parteien sich wirklich um grundlegende Verfassungswerte scherten und imstande wären, die kulturelle Repräsentationslücke zu schließen, würden sie Demagogen, die diese Verpflichtungen sorglos über Bord werfen, viel weniger Spielraum lassen.
Es gibt allerdings eine direktere Veränderung, die Verfechter der Meinungsvielfalt in der Zwischenzeit herbeiführen können: Einer der Gründe, warum eine Vielfalt der Standpunkte in der Berufswelt so rasch schwinden konnte, liegt daran, dass es einen konzertierten Angriff auf die Möglichkeit gab, an Orten wie Harvard oder Columbia unterschiedliche Meinungen zu äußern. Ein anderer wichtiger Grund aber ist, dass es so wenig echte Vielfalt zwischen den Institutionen gibt – viele Universitäten und Anwaltskanzleien und Unternehmen übernehmen zunehmend ähnliche Kulturen, Richtlinien und Arbeitsverfahren. Und das legt nahe, dass eine der Teillösungen darin liegt, neue Institutionen zu schaffen, die sich radikal von den alten unterscheiden.
Es gibt über zweitausend Universitäten in den Vereinigten Staaten. Am unteren Ende der gesellschaftlichen Prestigeskala herrscht große Vielfalt unter solchen Institutionen – von Community Colleges, die stark von Einwanderern geprägte Gemeinden versorgen, bis hin zu religiösen Schulen, die das Evangelium verkünden. Aber alle Hochschulen im obersten Prestigebereich sind sich in den vergangenen Jahrzehnten bemerkenswert ähnlich geworden. Mögen ihre jeweiligen Studienführer bei Oberstufenschülern auch noch so lyrisch über ihre eigentümlichen lokalen Traditionen schwärmen – Harvard und Princeton, Yale und Stanford, Duke und Columbia sind alle Beispiele dessen, was Biologen „konvergente Evolution” nennen. Nicht nur inhaltlich kopieren und imitieren sie einander ständig bei ihren vorherrschenden Ansichten; das gilt auch für den Aufbau ihrer Lehrpläne, für die Art, wie sie ihre Institutionen finanzieren, und für die Kriterien, nach denen sie ihre Studienanfänger auswählen.
Dasselbe gilt für viele andere Bereiche. Es gibt Zehntausende von Anwaltskanzleien in den Vereinigten Staaten. Aber die Kultur bei den prestigeträchtigsten – von Cravath bis Skadden bis Wachtell – ist viel ähnlicher, als diese Vielfalt einem naiven Beobachter vermuten lassen könnte. Sogar die etablierte Presse leidet unter demselben Übel, besonders wenn es um stolz progressive Publikationen geht. Vor einigen Jahrzehnten gab es noch charakteristische Unterschiede in Stil und Inhalt zwischen Dissent, The Nation und The New Republic; ein versierter Leser hätte wahrscheinlich mit großer Treffsicherheit erraten können, welcher Artikel in welcher dieser Publikationen erschienen war. Heute haben diese Magazine ihre charakteristischen Identitäten weitgehend verloren; praktisch jeder Artikel, der in einer dieser Publikationen erscheint, könnte genauso gut in einer anderen stehen.
Die Lage ist natürlich noch schlimmer in jenen Bereichen, in denen eine oder zwei Institutionen übergroßen Einfluss ausüben. Spitzenforscher in den Naturwissenschaften müssen ihre Forschung mehr oder weniger so planen, dass sie die Billigung der National Institutes of Health oder der National Science Foundation findet. Psychologen müssen sich an die Vorgaben der American Psychological Association halten. Und Forscher im Bereich globaler Gesundheit sollten besser sicherstellen, dass ihre geplante Arbeit zur Agenda der größten privaten Philanthropen auf diesem Gebiet passt – etwa der Gates Foundation.
Diese Tendenz zur konvergenten Evolution macht es so schwer, eine echte Vielfalt von Gedanken und Meinungen innerhalb der Bildungs- und Berufselite aufrechtzuerhalten. Würde eine renommierte Universität andere Standards bei der Aufnahme und Einstellung anlegen als eine andere, unterschiede sich die Kultur einer Kanzlei radikal von der einer anderen, führten die journalistischen Wächter ideologischer Orthodoxien noch echte Debatten untereinander, wären Wissenschaftler nicht einer winzigen Zahl von Förderorganisationen verpflichtet und wären Berufsverbände weniger schnell bereit, ihren Mitgliedern ihre ideologischen Gewissheiten aufzudrängen, dann fänden es Fachleute mit abweichenden – oder bloß zurückhaltenden – Ansichten viel leichter, erfolgreiche Laufbahnen zu verfolgen und ihre Meinung zu äußern.
Glücklicherweise gibt es erste Anzeichen dafür, dass jene Fachleute, denen es in den etablierten Institutionen unbehaglich geworden ist oder die hinausgedrängt wurden, weil sie es wagten aufzuschreien, sich zu organisieren beginnen. Im ganzen Land entstehen neue Universitäten und alternative Medien sowie rivalisierende Berufsverbände. Es ist noch zu früh zu sagen, ob sie echte Alternativen zu den bestehenden Strukturen aufbauen können und ob sie tatsächlich an ihrer erklärten Mission festhalten werden, die Meinungsvielfalt zu fördern. Aber sie sind ein kleiner grüner Trieb inmitten einer verheerenden Dürre.
Die Sache der Meinungsvielfalt bleibt stark gefährdet. Eine der besten Arten, dieser bedrängten Sache zu dienen, besteht darin, unser Verständnis dessen zu erweitern, was ihr Erfolg erfordern wird – sowohl heute als auch wenn sich die politische Konstellation ändern sollte: echte Vielfalt, sowohl innerhalb als auch zwischen den Institutionen. Wollen wir Meinungsvielfalt, müssen wir nicht nur abweichende Stimmen schützen – sondern auch abweichende Institutionen kultivieren.
Dieser Essay erschien ursprünglich in „Viewpoint Diversity: What It Is, Why We Need It, and How to Get It”, herausgegeben von John Tomasi und Bernard Schweizer und veröffentlicht von Heresy Press.
Dieser Text wurde mit Hilfe von KI übersetzt und von Niya Krasteva redigiert.





